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Gneiss und Granit der Alpen

Studer, B.

Kurzfassung

Seitdem De Saussure und Pini sich über die Structur der gneiss-granitischen Centralmassen unsererer Alpen stritten, jener die Stratification derselben als sedimentäre Schichtung, dieser als Zerklüftung und Schieferung erklärte, ist die Geologie über diese Frage zu keiner abschliessenden Entscheidung gelangt. Besonders auch die nach oben auseinander tretende Fächerstellung am Montblanc, St. Gotthard und an anderen Centralmassen ist ein nicht gelöstes Räthsel geblieben. Herr vom Rath, einer der gründlichsten und geistvollsten Kenner unserer Alpen, sagt am Schlüsse seiner Beobachtungen im Quellgebiete des Rheines: ,Der Schichtenfächer des St. Gotthards kann nicht etwa als eine Mulde aufgefasst werden, auch kann es Niemandem einfallen, denselben etwa als ein aufgebrochenes Gewölbe vorzustellen, dessen riesiger Sattel zerstört wäre", und spricht, nach Widerlegung noch anderer Erklärungen, sich zuletzt dahin aus, der Schluss sei unabweislich, dass die Tafelstructur des centralen Gneisses keine wahre Schichtung sei. In gleichem Sinne hatte ich mich 1846 in einem Briefe an Prof. Martins ausgesprochen. Es ist ein sonderbares Zusammentreffen, dass, beinahe gleichzeitig, als Herr vom Rath es als undenkbar bezeichnete, dass Jemand den Einfall haben könnte, die Schichtenfächer als Ueberreste zerstörter Gewölbe anzusehen, Herr Lory in seinem klassischen Werke über das Dauphiné diese Erklärung aufnimmt und durch eine Zeichnung, Fig. 1, erläutert. Die in der Tiefe liegenden und durch Erdwärme erweichten krystallinischen und granitischen Schichten wären in die Höhe gepresst, und durch seitlichen Widerstand zu Gewölben gefaltet worden; in der Höhe, wo der Widerstand fehlte, hätten die Gewölbe sich weiter ausgedehnt, die Schichten nach unten hin daher eine synklinale Stellung angenommen und die höheren Theile seien zertrümmert und zerstört worden.