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Die vulkanischen Tätigkeit des Sangay

Reiss, Wilh.

Kurzfassung

Im November des vorigen Jahres besuchte ich, leider bei sehr schlechtem Wetter, den seit vielen Jahren in fortdauernder Thätigkeit sich befindenden Sangay. Von meinem Zeltlager am Südfusse des Berges konnte ich, namentlich des Nachts, die in kurzen Zwischenräumen sich wiederholenden Ausbrüche beobachten; auffallend war es mir dabei, dass die am Ostabhang des Berges sich aufthürmenden Wolken bis weit herab durch rothen Feuerschein erleuchtet wurden. Meine Begleiter erklärten mir, dass der Berg auf jener Seite geborsten sei und dass man durch eine tiefe bis zur Waldregion herablaufende Spalte das Feuer im Innern des Berges sehen könne. Ich vermuthete sogleich einen Lavastrom, war aber leider damals nicht in der Lage, die Ostseite des Berges besuchen zu können. Ende December jedoch sah ich in zwei aufeinander folgenden Nächten, von Mácas aus, den Berg ganz klar und konnte mich überzeugen, dass wirklich vom Gipfel des Berges aus eine glühend flüssige Lavamasse, gleich einem Wildbache am steilen Abbang herabstürzend, einen Feuerstreifen erzeugte, dessen Aussehen einigermaassen die Annahme einer offenen Spalte (raja) rechtfertigen konnte. Der Sangay fällt gegen Ost zu schroff ab nach einer tiefen, wohl in die Schieferberge eingeschnittenen Schlucht und nach dieser Seite hin ist der grosse Gipfelkrater weit geöffnet. Im Innern des Kraters steht ein kleiner Ausbruchskegel, dessen Krater ebenfalls gegen Ost zu geöffnet erscheint, wie dies wohl hauptsächlich durch den hier fast ausschliesslich herrschenden Ostwind bedingt ist, welcher verursacht, dass die ausgeworfenen Schlackenmassen sich in grösster Masse am westlichen Kraterrand aufhäufen müssen. Im westlichen Theile des kleinen Kraterkegels befindet sich die Bocca, deren Stein- und Aschenauswürfe von dem bewohnten Theil der Republik Ecuador sichtbar sind