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Riesenkessel bei Christiania

Brögger, W. C.; Reusch, H. H.

Kurzfassung

Unter den Hervorbringungen der Natur, welche vorzugsweise im Norden Europas der Beobachtung und dem Nachdenken sich darbieten, nehmen die Riesenkessel eine hervorragende Stellung ein. Es giebt vielleicht nicht viele Länder, die sich mit der scandinavischen Halbinsel hinsichtlich ihres Reichthums an diesen erstaunlich regelmässigen, oft sehr tiefen, in harten Felsen eingebohrten Höhlungen messen können. Wo ein Bach oder ein Fluss durch einen engen, wilden Thalspalt herabrauscht, da ist es eine gewöhnliche Erscheinung, dass sich am Ufer desselben Riesenkessel an Riesenkessel reihen. Allein sie finden sich nicht nur in der Nähe der Flüsse oder der Wasserfälle, sondern oft genug auch in weiter Entfernung. Mancher, der vormals auf dem alten Wege nach Bergen über Lärdalsören reiste, wusste zu erzählen, wie an einem Orte in Lärdal die Strasse durch einen ungeheuren Riesenkessel angelegt war, dessen beide Hälften zu den Seiten des Weges sichtbar waren; ,hier - erzählt die Sage - hat der norwegische König und Heilige St. Olaf sein Ross gewendet." Die lebhafte Phantasie des Volkes hat diese ausgebohrten Löcher mit der Vorstellung von Riesen verknüpft, daher der Name Jaettegryder (Riesenkessel). An vielen Orten, wo ihre Form länglich und ziemlich unregelmässig ist, sieht die Phantasie des Volks in ihnen Fussstapfen jener ungeheuren Wesen. Neben dem alten Wege nach Drontheim über Dovre können alle Reisende in der Nähe der Station Kongsvold einen solchen mit Wasser gefüllten Riesenkessel - ,einen linken Schuh" - sehen. Hier und da, je nachdem die Fussstapfen liegen, wird dann auch gezeigt, wie der Riese bald über einen Felsrücken, bald über ein Thal hinweggeschritten sei. An der Westküste Norwegens werden sie bisweilen Gygresesser genannt, ein schon von dem bekannten Forscher und Probst Nils Hertzberg aus Hardanger angeführter Name. Riesenkessel finden sich in Norwegen vom Meeresniveau bis zu ansehnlicher Höhe über demselben; Prof. Th. Scheerer erwähnt z.B. von Brevig und arideren Orten grosse am Meeresufer gelegene Kessel, während Hertzberg von Hardanger eine grosse Anzahl südlich von Odda, bei Låterand 1200' ü. M. beschrieben hat. Da sie kaum irgend wo im Lande selten sind, durfte man hoffen, dass auch die Umgegend Christianias, welche so viele interessante Verhältnisse dem Geologen darbietet, Beispiele aufweisen würde.