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Gletschertheorie oder Drifttheorie in Norddeutschland?

Berendt, G.

Kurzfassung

Mehrmals schon im Laufe der letzten Jahre ist an uns deutsche Geologen die Frage herangetreten, ob Gletschertheorie oder Drifttheorie die Bildung unseres Diluviums, die Bildung des ganzen norddeutschen Flachlandes besser erkläre, oder aber, ob wir irgend eine andere haltbare Theorie dem gegenüber stellen können. Im Jahre 1874 veröffentlichte Johnstrup in Kopenhagen seine äusserst anregende Abhandlung: ,Ueber die Lagerungsverhältnisse und die Hebungsphänomene in den Kreidefelsen auf Möen und Rügen", in welcher er, gestützt auf die grossartigen, durch die Sturmfluth des Jahres 1872 verursachten Entblössungen der Steilküsten jener Inseln das Vorrücken eines breiten Stromes festen skandinavischen Gletschereises bis in jene Gegenden äusserst anschaulich machte. Im folgenden Jahre 1875 trug Torell in der Novembersitzung der deutschen geologischen Gesellschaft in Berlin seine Ansicht einer von Skandinavien und Finnland ausgehenden zusammenhängenden Vergletscherung des ganzen norddeutschen und nordrussischen Flachlandes vor und erregte eine lebhafte Debatte. Sehr für ihn sprechend war die wenige Stunden vorher erfolgte Neu-Auffindung der von Sefström schon im Jahre 1836 erwähnten, aber später so gut wie ganz in Vergessenheit gerathenen Diluvialschrammen auf der Oberfläche des Rüdersdorfer Muschelkalkgebirges. Die deutlich wahrnehmbare Abhobelung und parallele Schrammung der Schichtenköpfe fester Muschelkalkbänke im östlichsten von seiner Diluvialdecke soeben frisch abgedeckten Theile des Grossen Alvenslebenbruches rechtfertigte die von Torell gehegte und gewissermaassen als Bedingniss seiner Theorie geltende Erwartung vollständig.