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Über die diluviale Entstehung der Rheinversenkung zwischen Darmstadt und Mainz.

Lepsius, Richard

Kurzfassung

Die in neuester Zeit ausgeführten Tiefbohrungen in der Rheinebene haben ergeben, dass die diluvialen Sande zwischen den beiden genannten Orten die Mächtigkeit von 100 M. erreichen; in dem tiefsten Bohrloch sind die unterlagernden Tertiär-Schichten noch nicht angetroffen worden. Die diluvialen Sande und groben Geschiebe breiten sich über das rheinhessische Tertiär-Plateau aus bis zu Höhen von 120 M. und mehr über dem Mainzer Rhein-Pegel und gehen vor bis hart an den östlichen Rand des Plateaus, unmittelbar über dem Abbruch der Tertiär-Schichten. Die groben Geschiebe und die Sande, welche hier von einem Flusse angeschwemmt, nicht in einem See abgelagert wurden, liegen also östlich und westlich des Rheines in einem Niveau, welches Differenzen bis zu 200 M. aufweist. Diese Lagerung der diluvialen Flussanschwemmungen, sowie besonders diejenige der unterlagernden Tertiär-Schichten macht es wahrscheinlich, dass die Rheinversenkung zwischen Darmstadt und Mainz und die beiderseitigen bedeutenden Verwerfungs-Sprünge erst in der diluvialen Zeit entstanden sind, ja vielleicht bis in die neueste Zeit hinein ihre Wirkungen ausüben. Um nun festzustellen, ob noch in neuester Zeit Bodenbewegungen in dieser Gegend stattgefunden haben, ist in diesem Sommer das Präcisions-Nivellement auf der Eisenbahnstrecke zwischen Darmstadt und Mainz, welches im Jahre 1870 von der Europäischen Gradvermessung ausgeführt wurde, wiederholt worden. Dieses Nivellement hat ergeben, dass in den letzten zehn Jahren auf dieser Strecke keine Senkungen zu erkennen sind; nur an der Höhenmarke am Bahnhofe in Mainz ergab sich eine Senkung von 0,3 M. Die Stadt Gross-Gerau ist bekanntlich seit langen Zeiten ein Centrum von Erdbeben gewesen; sie liegt gerade in der Mitte zwischen Darmstadt und Mainz und über der tiefsten Rheinversenkung. Seit dem Präcisions-Nivellement des Jahres 1870 hat kein Erdbeben stattgehabt. Falls hier oder an anderen Orten wiederum ein Erdbeben vorkommen sollte, so könnte vielleicht der vielfach in neuerer Zeit behauptete Zusammenhang zwischen den Erdbeben und den mechanischen Störungen in der Erdfeste durch diese mit äusserster Präcision ausgeführten Nivellements der Europäischen Gradvermessung nachgewiesen werden.