Original paper

Ueber die Verbreitung des Renthiers in der Gegenwart und in älterer Zeit nach Maassgabe seiner fossilen Reste unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Fundorte.

Struckmann, C.

Kurzfassung

Die fossilen Reste des Renthiers (Cervus tarandus L.), die in den quartären Bildungen des mittleren Europas nicht selten gefunden werden, haben bereits seit längeren Jahren die hervorragende Aufmerksamkeit der Geologen und Anthropologen in Anspruch genommen, namentlich seitdem man erkannt hat, in wie engen Beziehungen das Ren zu dem wirtschaftlichen Leben der ältesten menschlichen Urbewohner unserer Gegenden gestanden hat. Schon aus diesem Grunde ist es interessant, neben dem Vorkommen der fossilen Reste auch die geographische Verbreitung des Renthiers in früh historischer Zeit und in der Gegenwart in's Auge zu fassen; ausserdem aber hat dasselbe von jeher als jetziger Bewohner der schneebedeckten Einöden des höchsten Nordens und als die einzige Hirschart, deren Zähmung als Hausthier gelungen ist, ein besonderes Interesse erweckt. Der ausgezeichnete Naturforscher und Akademiker J, F. Brandt in Petersburg hat bereits im Jahre 1867 in seinen zoogeographischen und paläontologischen Beiträgen eingehende Untersuchungen über die geographische Verbreitung des Renthiers in Beziehung auf die Würdigung der fossilen Reste desselben veröffentlicht. Da seit dieser Zeit indessen vielfache neue und wichtige Beobachtungen namentlich über das Vorkommen der fossilen Reste des Rens in Deutschland bekannt gemacht worden sind, es auch meine Absicht ist, die deutschen Fundorte specieller zu berücksichtigen, so dürfte die nachfolgende Darstellung nicht ganz überflüssig erscheinen. Ich werde zunächst an die Gegenwart anknüpfen, sodann die Nachrichten aus älterer historischer Zeit kurz erörtern und mit den Untersuchungen über die Verbreitung des Renthiers in den quartären Schichten schliessen.