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Zur Kenntniss der Bildung und Umwandlung von Silicaten.

Lemberg, J.

Kurzfassung

Die vorliegende Arbeit ist eine unmittelbare Fortsetzung einer früheren, im 28. Bande dieser Zeitschrift veröffentlichten, und kann ebenso wenig auf Abschluss Anspruch machen; im Gegentheil ergiebt sich: so lange die Chemie der Silicate nicht wesentliche Erweiterungen erfährt, wird die künstliche Darstellung von Mineralien vorherrschend von mehr oder weniger glücklichen Zufällen abhängen, und selbst gelungene Synthesen erweitern unsere Kenntnisse der näheren Structur der Silicate gar nicht oder in sehr unsicherer Weise. Wohl ähnliche Erwägungen haben vielfach Chemiker und Mineralogen veranlasst, Structurformeln für Silicate, auf Grund der in der organischen Chemie zur Zeit herrschenden Ansichten, zu entwickeln, in der Meinung, dass diese Formeln der Synthese der Silicate vorarbeiten, ähnlich wie in der organischen Chemie. Wie mir scheint, wird durch diese Bestrebungen die Chemie der Silicate nicht nur nicht gefördert, sondern auf ähnliche Abwege geführt, wie einst durch die Gerhardt'sche Typentheorie. Abgesehen davon, dass die theoretischen Grundlagen selbst auf dem Gebiete der organischen Chemie sich als unzulänglich erweisen, dass der Werth der Elemente für starre Verbindungen meist höher als für gasförmige umd zur Zeit unbekannt ist, und aus diesem Grunde allein schon moderne Structurformeln für Silicate werthlos sind, ist auch der chemische Charakter der sogenannten organischen Verbindungen und der natürlichen Silicate ein verrschiedener; aus letzteren werden nur Oxyde der Elemente, und zwar meist die höchsten Oxyde, durch chemische Agentien abgespalten, die Silicate stehen somit den sogenannten anorganischen Salzen am nächsten. Nicht durch eine einseitige Berücksichtigung der Ergebnisse der organischen Chemie, sondern durch eine gleichzeitige erneute und vertiefte Untersuchung anorganischer Verbindungen kann eine Chemie der Silicate gegründet werden. Die wichtige Frage nach der Grösse des Moleculargewichts nichtflüssiger Verbindungen kann zur Zeit überhaupt nicht beantwortet werden, bei den Silicaten kommt als die Untersuchung erschwerender Umstand noch die Unlöslichkeit hinzu; hier gilt es erst Methoden ausfindig zu machen, ehe von wirklichen Structurformeln die Rede sein kann.