Original paper

Ueber die Beschaffenheit der Mollusken-Schalen.

Gümbel

Kurzfassung

Bei Untersuchungen, welche ich an Mollusken-Schalen vornahm, um mir über die Ursache, weshalb gewisse Arten von Schalthieren in derselben Gesteinsschicht und unter sonst gleichen Verhältnissen wohlerhaltene Ueberreste zurückgelassen haben, während die Schalen anderer Gattungen oder Arten ganz oder theilweise verschwunden, in gewissen Fällen durch andere, als die ursprünglich vorfindliche Mineralsubstanzen ersetzt sind, durch eigene Wahrnehmungen Rechenschaft zu verschaffen, stiess ich auf eine Reihe von Erscheinungen, welche nicht ohne allgemeines Interesse sein dürften. Man leitet jetzt ziemlich allgemein dieses verschiedene Verhalten nach G. Rose's Untersuchungen von der Verschiedenartigkeit der Krystallisation des in den Schalen enthaltenen Kalkcarbonates ab und nimmt an, dass die hauptsächlich aus Kalkspath bestehenden Hartgebilde es sind, welche sich wohl erhalten als Versteinerungen vorfinden, während die aus Aragonit gebildeten Schalen leicht der Zerstörung unterliegen und deshalb grossen Theils verschwunden sind. An den Mollusken - Schalen hat man bekanntlich, abgesehen von den Epidermalgebilden, drei verschiedenartige Ausbildungsweisen oder Structurverhältnisse erkannt, die sich mit einander in mehr oder weniger parallelen Lagen vereinigen oder auch zu je zwei verbunden vorfinden, nämlich 1. die sogen. Kalkstäbchen- oder Röhrchen-, auch Prismenschicht genannt, 2. die Perlmutterschicht und 3. die Porzellanschicht, die bis jetzt nur selten scharf unterschieden wurde. Es ist wohl kaum zweifelhaft, dass allen diesen Abänderungen in der Schalenstructur eine organisirte thierische Substanz zu Grunde liegt, welche, mag man sie als zellig, häutig oder gefässartig gebildet auffassen, in jedem Falle die Hülle oder das Gefäss ausmacht, in welchen oder zwischen welchen die mineralische Substanz (hier vorwaltend Kalkcarbonat oder schlechtweg Kalk) sich ablagerte und die Festigkeit der Schale bedingt.