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Beitrag zur Kenntniss der Granitmassen des Ober-Engadins.

Dalmer, Karl

Kurzfassung

Im Nachfolgenden sei es mir gestattet einige Beobachtungen mitzutheilen, die ich während eines mehrwöchentlichen Aufenthaltes in S. Moritz und Pontresina anzustellen Gelegenheit fand. Dieselben beziehen sich auf die gewaltigen Granit- und Syenitmassen, die hier, im Ober-Engadin, inmitten eines hie und da eingequetschte Mulden von Verrucano-, Trias-, Räth- und Lias-Gesteinen tragenden Gneiss- und Glimmerschiefer-Gebirges auftreten und die neben anderen Bergriesen auch den Bernina, den höchsten Gipfel der schweizerischen Ostalpen, zusammensetzen. Zwar ist dieses Gebiet bereits von Gerhard vom Rath und insbesondere ferner von Theobald gründlich untersucht und beschrieben und von Letzterem auch kartographisch aufgenommen worden, gleichwohl aber ist doch noch manches nicht unwichtige Problem, das sich an diese Granitmassen knüpft, unaufgeklärt geblieben, und namentlich scheint die Frage nach dem Alter und der Entstehungsweise derselben einer erneuten Prüfung sehr wohl bedürftig. Mit Bezug hierauf sind genannte beide Forscher bei ihren Untersuchungen zu sehr verschiedenen Resultaten gelangt. Gerhard vom Rath bekennt sich zu der Ansicht, dass die vorliegenden Granite und Syenite lediglich regellos-körnige Structurmodificationen des Gneisses darstellen; er führt als Beweisgrund für seine Auffassung die Thatsache an, dass ganz allmähliche Uebergänge zwischen Granit und Gneiss bestehen, und macht ferner darauf aufmerksam, dass in einem unmittelbar neben dem Berninafall oberhalb Pontresina anstehenden Gneisse Einschlüsse von Syenit vorkommen, dass hier also der Syenit älter sein müsse als der Gneiss. In seiner zweiten Arbeit betont er sodann noch, dass im Val Suvretta, 4 km nord-östlich von Campfer, inmitten des Granits, dem selben anscheinend concordant eingelagert, Conglomerat- und Kalksteinlager zu beobachten seien; doch hat sich mit Bezug auf letztere bei den Untersuchungen Theobald's ergeben, dass hier lediglich eine eingequetschte Mulde von Verrucano und Trias-Gesteinen vorliegt, die in östlicher Richtung über den Piz-Nair bis fast nach S. Moritz zu verfolgen ist. Theobald hingegen betrachtet die Granite des Ober-Engadins als Eruptivgesteine und sieht in ihnen das hebende Prinzip, welches die Emporwölbung der Bündener Alpen und die Faltung der Sedimente bewirkt hat.