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Beitrag zur Kenntniss des Aufbaues und der Schichtenfolge im Grignagebirge.

Philippi, Emil

Kurzfassung

Bevor ich näher auf mein Thema eingehe, bedarf es eines Wortes der Rechtfertigung, weswegen eine erneute Untersuchung und Kartirung in einem Gebiete vorgenommen worden ist, das vor verhältnissmässig kurzer Zeit eine so eingehende Bearbeitung erfahren hat, wie nur wenige im Bereich der Südalpen. Um diese Frage zu beantworten, ist ein kurzer Rückblick auf die bisherigen Arbeiten über Esino und auf die Thätigkeit E. W. Benecke's in diesem Gebiet erforderlich. Die Meinungsverschiedenheiten, die so lange über die geologische Stellung des "Esinokalks" geherrscht haben, datiren nahezu vom Beginn der wissenschaftlichen Arbeit im Esinogebiet. Escher Von Der Linth und mit ihm Stoppani nahmen an, dass bei Esino nur ein Kalk- und Dolomithorizont entwickelt ist, der allenthalben über den Keupermergeln Escher's, den Raibler Schichten der österreichischen Geologen liegt, während V. Hauer bei Esino 2 Kalkhorizonte ausscheidet, die durch das Raibler Niveau getrennt sind und deren unterer die bekannte "Esinofauna" enthält. Im Laufe der Zeit gleichen sich jedoch die Gegensätze der Ansichten, die sich in den 50er Jahren so schroff gegenüberstanden, einigermaassen aus. Von beiden Seiten, hier unter dem Einfluss von Curioni, dort von V. Mojsisovics, werden Concessionen gemacht, und schliesslich sind im Jahre 1872 sämmtliche Beobachter darin einig, dass zwar bei Esino 2 Kalkhorizonte auszuscheiden sind, dass über die berühmte Esinofauna aber den Raibler Schichten liegt und dass der Esinokalk ohne weiteres Zwischenglied von Hauptdolomit überlagert wird (V. Hauer) oder mit demselben direct zu vereinigen ist (dolomia media bei Stoppani). Aber bereits in den nächsten Jahren vollzieht sich ein plötzlicher Umschwung: wir sehen T. Hauer zu seiner alten Ansicht zurückkehren, während Stoppani und Gümbel bei ihrer Auffassung des "Esinokalks" beharren. Die geologische Stellung der Esinofauna ist also im Jahre 1875. als die Thätigkeit Benecke's am Ostufer des Sees von Lecco begann, genau so controvers, wie 20 Jahre vorher.