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Ueber junge Hebungen von vollen Seebecken.

Ochsenius, Carl

Kurzfassung

In meinem 1. Aufsatz: Ueber das Alter einiger Theile der südamerikanischen Anden in dieser Zeitschr. Bd. XXXVIII, 1886, S. 767 führte ich den Baikalsee als Fall von Hebung und Isolirung, ähnlich der des Titicacasees an und berief mich dabei auf die Existenz von Robben in dem benachbarten kleinen Süsswassersee Oron als Beweis für den früheren Zusammenhang des Baikals mit dem Nordmeere und der späteren Isolirung des Baikalbeckens durch Hebungen. Der in archäischem Gebiete liegende grösste Süsswassersee der Alten Welt ist nach Klöden stellenweise 3710 m tief, an 600 km lang und 30-90 km breit, d.h. dreimal so gross wie der nur wenig über 200 m tiefe Titicaca, kann also in seinem Grunde noch viel Neues bergen. Es stellt sich jetzt heraus, dass er wirklich ein seit langer Zeit abgeschnittener und allmählich ausgesüsster Meeresarm ist; es haben sich nämlich zahlreiche Meeresbewohner an die Aussüssung gewöhnt und in ihm erhalten. Ausser den von Humboldt im Kosmos erwähnten Seehunden besitzt der Baikal (wie in der Rundschau des Prometheus, 1901, S. 303 berichtet wird) die einem fliegenden Fisch ähnliche Glomynka (Callionymus baical) und andere Repräsentanten von Thierklassen, deren Verwandte im Meere leben. W. Dybowski hatte den See schon früher wissenschaftlich untersucht und ihn für einen Relictensee angesprochen, weil er u. a. einen Schwamm (Lubomirskia baicalensis) antraf, dessen Stammform noch jetzt im Behringsmeer vorkommt. Im letzten Frühjahr hat Dybowski nun weitere Funde gemacht, die keinen Zweifel mehr an dem ehemaligen Meererscharakter des Baikals lassen. Er fing eine Anzahl Trochophora-Larven und eine neue Nacktkimerschnecke (Ancylodoris baicalensis), Thierformen, die niemals im Süsswasser beobachtet wurden und sich hier nur durch langsame Gewöhnung an das seines Salzgehaltes beraubte Wasser erhalten konnten.