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Betrachtungen über die geologische Geschichte Aethiopiens.

von Reichenbach, Ernst Stromer

Kurzfassung

Die eifrigen Kolonialbestrebungen der verschiedensten Völker in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts haben zur Folge gehabt, dass unsere Kenntniss der Geologie des dunkelen Erdtheiles in erheblichem Maasse erweitert wurde, so dass man nun schon mit einiger Sicherheit einige der wichtigsten Fragen nach der geologischen Geschichte des alten Continentes von Aethiopien einer Besprechung unterziehen kann. Schon seit längerer Zeit ist ja bekannt, dass sich an der Ostküste von Aethiopien und in Madagaskar mariner Jura vorfindet, während diese Formation an der Westküste nirgends angetroffen wurde; die Gegensätzlichkeit, welche sich hierin zeigt, scheint nun aber nach dem jetzigen Stande unserer Kenntnisse nicht nur in jener Epoche bestanden zu haben, ein Umstand, der für die Beurtheilung dieses Phänomens und für die geologische Geschichte des Continentes von grosser Wichtigkeit ist. Bereits in der Karooformation erscheint nämlich diese Gegensätzlichkeit angedeutet. Hauptsächlich veranlasst durch die Verbreitung der Glossopteris-Flora und gestützt auf das Fehlen mariner Ablagerungen in den betreffenden Gebieten, nimmt man ja ziemlich allgemein an, dass ein gewaltiger Continent zur Perm-Triaszeit Indien, Afrika, Brasilien und wohl auch Australien umfasst habe. Nun ist aber zu betonen, dass in Süd-Afrika die Karooformation, welche diese Flora und die bekannte eigenthümliche Reptilienfauna enthält, nirgends an den atlantischen Ocean herantritt, während sie gegen den indischen direct abgebrochen erscheint. Auch ist zwar vom mittleren Sambesi eine reiche Carbonflora und neuerdings aus dem mittleren Ost-Afrika Glossopteris nebst anderen permotriassischen Formen beschrieben worden, nirgends aber in West-Afrika wurden ähnliche Funde gemacht, so dass die Annahme, die hier so weit verbreiteten und mächtigen Sandsteinschichten, z.B. die des Kongobeckens, gehörten zur Karooformation, noch immer unbewiesen und in West-Afrika noch kein directes Anzeichen für die Existenz der Verbindung mit Brasilien entdeckt worden ist.