Original paper

Ueber einen bemerkenswerthen Fall von Erosion durch Stauhochwasser bei Schmarden in Kurland

Doss, Bruno

Kurzfassung

Wie weiter im Westen, so war auch in den baltischen Provinzen der Winter 1899/1900 ein bemerkenswerth langer und strenger, so dass das Eis der Flüsse eine seltene Stärke erreichte und sich in fast kernfestem Zustande bis in den April hinein erhielt. Bei den sehr reichlichen Schneemengen, die in der vorausgegangenen Zeit gefallen, erwartete man hierzulande allgemein einen hohen Frühjahrswasserstand der Gewässer, welcher um so leichter zu gefährlichen Ueberschwemmungen konnte Veranlassung geben, als die fast alljährlich sich wiederholenden Stauungen diesmal bei der Stärke und Festigkeit des Eises besonders grosse Dimensionen voraussichtlich annehmen mussten. Was man befürchtete, blieb nicht aus. Schon vor Einsetzung des eigentlichen Eisganges hatten sich z.B. im baltischen Hauptstrom, der Düna, am 14. April infolge Verschiebungen der Eisdecke bei Bellenhof, Kengeragge, Klein-Jungfernhof und Gypsecke oberhalb Riga gewaltige Eisaufthürmungen gebildet, und wenig später entstand zwischen dem Wehje-Krug und dem ehemaligen Kosackenlager bei Kirchholm eine mehrere Kilometer lange Eisstauung, in welcher die 1-2 m dicken Schollen zu veritablen, bis auf den Stromgrund reichenden Bergen zusammengeschoben wurden und hinter sich den Wasserspiegel bis auf 8,5 m über Normal stauten. Wurden bei dieser Gelegenheit die durch die Fluthen angerichteten starken Verheerungen von den Laien gebührend bewundert, so war für den Geologen doch die Thatsache von grösserer Bedeutung, dass während dieser Stauung die Düna ihren theilweisen Abfluss unbedingt durch ein seit altalluvialer Zeit von ihr verlassenes Bett genommen und sich nach Norden über Stubbensee und Harmeshof in den Jägel- und Stint-See ergossen hätte, um von hier aus das Meer zu gewinnen, wenn dem nicht ein künstliches Hinderniss entgegengestanden hätte in Gestalt des 3,6 m hohen Eisenbahndammes bei Kurtenhof, dessen Krone 8,8 m über dem Dünaspiegel gelegen.