Original paper

Eine fossile Schlange ans dem Eocän des Monte Bolca.

Jahensch, Werner

Kurzfassung

Aus der einstigen Sammlung des Marquese di Canossa gelangte vor kurzem das Original zu Archaeophis proavus Massalongo in den Besitz der paläontologischen Sammlung des Museums für Naturkunde zu Berlin. Die Seltenheit des Massalongoschen Werkes hatte zur Folge, daß die Beschreibung von A. proavus und ebenfalls die an gleicher Stelle veröffentlichte von A. bolcensis späterhin vollständig übersehen und in der Literatur über fossile Schlangen nirgends erwähnt worden ist. Da Massalongos Beschreibung nur wenig ins einzelne ging, so wurde eine neue Untersuchung vorgenommen, von der hier nur vorläufig die Hauptresultnte angeführt werden sollen. Es ergab sich, daß Archaeophis proavus die am vollständigsten erhaltene unter allen beschriebenen fossilen Schlangen darstellt und ferner auch als besonders wissenschaftlich interessant gelten darf, weil sie durch allen sonst bekannten Gattungen fremde Merkmale ausgezeichnet ist. Das Stück stammt aus dem durch seinen Reichtum an prächtigen Fischen und Pflanzenresten berühmten mitteleocänen Kalk des Monte Bolca in Venetien. Erhalten sind fast sämtliche Skeletteile, ferner der Abdruck des Körpers von der Schnauze bis zur Schwanzspitze und sogar Reste der Beschuppung. Die allgemeine Körperform ist schlank und zierlich. Alle Skeletteile sind von zarter Beschaffenheit und nur in einer dünnen äußeren Schicht verknöchert. Der Schädel, der nach vorn in eine spitze Schnauze ausläuft, ist auf der Platte von der Unterseite sichtbar. Sicher erkennbar sind von Schädelknochen die Squamosa, Quadrata, das Praemaxillare, die Maxillaria, Palatina, Pterygoidea und die Äste des Unterkiefers, mit Ausnahme der drei erstgenannten tragen alle aufgezählten Knochen Bezahnung. Die Schädelkapsel selbst ist verdrückt, sodaß ihre einzelnen Elemente nicht zu erkennen sind. Die Zähne sind überaus eigenartig gestaltet. Sie sind nur schwach gekrümmt, scharfkantig und von fünfseitigem Querschnitt. Der Zahnersatz fand durch Ersatzzähne statt. Abgesehen von der merkwürdigen Zahnform, besitzt Archaeophis proavus einen typischen Schlangenschädel, der nur infolge der durch die Kürze des Unterkiefers bedingten geringen Erweiterungsfähigkeit primitiver gegenüber dem der jetzt lebenden höher spezialisierten Formen erscheint. Im Rumpfskelet fehlen jedwede Andeutungen von Brust- und Beckengürtel und den zugehörigen Extremitäten. Sehr bemerkenswert ist die außerordentlich hohe, etwa 565 betragende Zahl der Wirbel, von denen etwa 110 dem Schwanz zuzurechnen sind. Die erstere Zahl übertrifft bei weitem die bei allen recenten Schlangen ermittelte, deren höchste bis jetzt bei Python molurus Gray zu etwa 435 gefunden worden ist. Die Wirbel selbst sind durch die sehr geringe Entwicklung der Gelenkapophysen, des Zyposphen und der Zygantra, sowie der Querfortsätze ausgezeichnet. Die Rippen sind sehr lang und dünn, außerdem wenig gekrümmt und stark nach rückwärts gerichtet. Die Schuppen sind außerordentlich klein und stehen in zahlreichen, etwa 90-100 Längsreihen. Bauchschienen sind offenbar nicht vorhanden gewesen. Aus der Form des Körperabdruckes, der Lage des Körpers und der Beschaffenheit der Rippen ergibt sich, daß Archaeophis proavus einen seitlich komprimierten Körper besaß und einen an das Leben im Wasser angepaßten Typus darstellt.