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Nordostdeutsche Erdbeben vom 23. Oktober 1904.

Jentzsch, Alfred

Kurzfassung

Das nordostdeutsche Flachland gehört im allgemeinen zu den erdbebenärmsten Gebieten der Erde. Zwar wurde am 6. März 1872 das Mitteldeutsche Erdbeben bis Berlin empfunden und im Jahre 1755 das große Erdbeben von Lissabon bis in der Gegend von Lübeck. Aber ans Ost- und Westpreußen lagen, abgesehen von vereinzelten, völlig unkontrollierbaren Beobachtungen, nur aus dem Jahre 1303 in der alten Dusburgschen Chronik Nachrichten vor, welche mit einiger Wahrscheinlichkeit auf ein - als drei Stöße empfundenes - Erdbeben bezogen werden konnten. Etwas wirklich Sicheres war auch darüber wegen der Dunkelheit jener Zeiten nicht mehr zu ermitteln. Diese fast völlige seismische Immunität erschien leicht verständlich, weil dort lose aufgeschüttete Diluvial- und Tertiärschichten von zusammen bis 200 m und mehr Mächtigkeit fast allerorten das ältere Gebirge verhüllen und selbst die mesozoischen Schichten teilweise wenig Festigkeit zeigen. Um so bemerkenswerter war es, daß zufolge Zeitungsnachrichten an verschiedenen Orten des Gebietes am Sonntag, den 23. Oktober d. Js. Erdstöße gespürt worden sein sollten. Da die dort so große Seltenheit der Erscheinung eine wissenschaftliche Feststellung erwünscht erscheinen ließ, verbreitete auf Anregung des Vortragenden die Königliche Geologische Landesanstalt eine Aufforderung zur Einsendung der etwaigen Erdbebenbeobachtungen an verschiedene Behörden und Zeitungen. Der Erfolg war ein günstiger. Durch zahlreiche Nachrichten, darunter solche von unanfechtbarer Zuverlässigkeit, ist festgestellt, daß zur selben Zeit, etwa 111/2 Uhr vormittags, schwache, eben noch fühlbare Erdstöße in sehr vielen Orten der Provinzen Pommern, West- und Ostpreußen, und zwar von Greifswald bis Memel wahrgenommen wurden.