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Zur Kenntnis der Glarner-Überfaltungsdecken

Heim, Arnold

Kurzfassung

Die neue, große Umwälzung in der Auffassung der Alpen ist weithin erschallt und widerhallt. Noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden die Sedimentfalten der Alpen gedacht als entstanden durch seitliches Auseinanderpressen von glutflüssig aufsteigenden Zentralmassiven. Studer in Bern hat diese Ansicht am längsten verteidigt. Darauf folgte eine große Umwälzung durch Suess und dann durch meinen Vater: Die Eruptivgesteine sind passiv, sie sind mit den Sedimenten zugleich harmonisch gefaltet, und die Faltung selbst ist die Folge des Horizontalschubes in der Erdrinde. Diese Auffassung bleibt noch beute bestehen; aber sie erscheint uns jetzt in einem neuen Licht. Der Horizontalschub ist noch viel bedeutender, als man bis vor kurzem annehmen durfte, und die Schrumpfung der Erdrinde steht uns klarer als je vor Augen. Wie mit einem Schlag ist die herrschende Auffassung des vorigen Jahrhunderts von autochthon wurzelnden Sedimentfalten des nördlichen Alpenzuges zerronnen. Unzählige, bis jetzt rätselhafte Erscheinungen, Einzelheiten, über die man sich schon z. T. gewöhnt hatte, aus Unbefriedigtheit hinwegzusehen, sind nun zusammengefaßt zu einem einheitlichen, großen und harmonischen Gebäude, und alles ist viel einfacher und klarer geworden. Schon die Konsequenz und Einfachheit muß für die neuen Ideen begeistern. Außeralpine Geologen, denen die Alpen nicht in nächster Nähe liegen, sprechen oft mit Achselzacken über die neuen Ideen und bezeichnen sie als phantastisch. Die neuen Ansichten mögen ja schön und oft einfacher sein - das ist aber noch kein Grund dafür, daß sie wahr sind. - Gewiß, es sind die Einzelheiten, und zwar die große Zahl der Einzelheiten, die die Alpengeologen überzeugen. Ich möchte deshalb aus den Alpen ein Gebiet herausgreifen, das zu den bestbekannten gehört, und das den Schlüssel für die neuen Auffassungen bietet: Die Glarnerfalten.