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Alpen und Apennin.

Steinmann, Gustav

Kurzfassung

Nachdem viele schwierige Probleme der Alpengeologie mit Hilfe der Deckentheorie ihrer Losung nähergebracht worden sind, richtet sich der Blick naturgemäß auf die Gebirge von alpinem Charakter, die die unmittelbare Fortsetzung der Alpen bilden, auf Karpathen und Apennin. Für beide hat Lugeon eine neue Deutung nach Art der alpinen Verhältnisse zu geben versucht, der zwar ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit zukommt, die aber doch - besonders von Distefano für den südlichen Apennin - bestritten worden ist. Im nördlichen Apennin, den ich durch mehrfache Besuche kennen gelernt habe, scheinen mir die Verhältnisse sehr einfach und sehr überzeugend für die Richtigkeit der Deckentheorie zu liegen. Ja, ich glaube, daß eine kurze Schilderung dieser Verhältnisse jener Theorie vielleicht ebensoviel Anhänger zuführen wird, als es die bisherigen Arbeiten über den viel verwickeiteren Bau des Alpengebirges getan haben. Wir beginnen unsere Betrachtungen am besten mit den Südalpen. Der dinarische Anteil des Gebirges zeigt nicht den verwickelten Deckenbau der eigentlichen Alpen; vielmehr stellt sich immer deutlicher heraus, daß Suess recht hatte, als er vor langen Jahren den Gegensatz betonte, der zwischen den Südalpen und den (Zentral- und) Nordalpen vorhanden ist. Denn auch die verhältnismäßig unbedeutenden Überschiebungen, die Baltzer in der Gegend des Iseosees gesehen zu haben glaubte, werden neuerdings wieder unsicher. So faßt Tilmann in seiner jüngst erschienenen Arbeit seine Beobachtungen im Gebiete des Val Trompia dahin zusammen, daß der Bittnersche Ausdruck ,Brüche mit Überschiebungserscheinungen" die Tektonik jenes Gebietes am besten zum Ausdruck bringt, und er führt diese Lagerungsverhältnisse auf ein allgemeines Einsinken des Gebirges nach Süden zurück, ,wobei das Ganze durch Brüche in getrennte Schollen zerlegt wurde, die sich aufwölbten und teilweise schwach aufeinander geschoben wurden."