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Zur Theorie der Talbildung

Siegert

Kurzfassung

Es giebt in der Geologie Themen, die schon so oft erörtert und von allen Seiten beleuchtet worden sind, daß es kaum mehr möglich ist, wesentlich neue Gedanken zu ihrer Klärung beizubringen. Ich erinnere nur an die Theorien über die Ursachen der Eiszeit, über die Bewegung der Gletscher über die Entstehung des Lösses. Hier ist meist nur möglich Partei zu ergreifen, Mittelwege einzuschlagen, die allgemein ausgesprochenen Hypothesen oder Theorien auf einen bestimmt Kreis von Tatsachen zu beschränken oder umgekehrt für bestimmte Falle aus der Fülle der Erklärungsversuche die passendsten auszuwählen. Wenn ich mir nun erlaube, Ihre Aufmerksamkeit auf einen solchen unendlich oft besprochenen Gegenstand zu lenken, auf die Entwicklung der Talterrassen, so bin ich mir wohl bewußt, daß ich Ihnen keine prinzipiell neuen Gedanken geben kann. Ich will vielmehr nur untersuchen, wieweit verschiedene teilweise sehr alte Theorien über die Entstehung der Flußterrassen zur Erklärung der in den letzten Jahren gewonnenen Tatsachen über den Bau und die Entwicklung der Flußtäler von Mittel- und Norddeutschland heranzuziehen sind. Dem Versuch, die Ursachen dieser Talentwicklung zu erkennen, seien einige Erwägungen allgemeiner Art vorausgeschickt. Die erodierende Kraft eines Flusses wird bedingt durch Wasserquantum und Gefälle. Doch hat die danach aufgestellte Formel Mv2 nur rein theoretischen Wert, von der praktisch die für jeden Einzelfall empirisch zu ermittelnden Werte für die Reibungswiderstände am Flußbett, die innere Reibung und den Transport der Geschiebe abzuziehen sind. Der Fluß vernichtet, indem er erodiert, selbst seine erodierende Kraft, da er durch die Erosion sein Gefälle vermindert. Die Erosion, d.h. die Veränderung der Gefällskurve, wird so lange anhalten, bis die erodierende Kraft so gering geworden ist, daß sie zur Überwindung der genannten Widerstände eben noch ausreicht. Dieser Zustand wird in den verschiedenen Talabschnitten zu verschiedener Zeit erreicht. Die Kurve, welche das Längsprofil des Flußes dann bildet, wollen wir kurz Nullkurve nennen, weil die erodierende Arbeit des Flußes auf ihr zum Stillstand gekommen ist.