Original paper

Über Gletscher-Erosion.

Lepsius, R.

Kurzfassung

Einleitung: Jeder, der meine Schriften kennt, weiß, daß, wenn ich über Gletscher-Erosion schreibe, ich mich gegen die ,Erosion" der Gletscher aussprechen will; es ist aber nur der Ausdruck ,Erosion", und es sind nur die Übertreibungen der Wirkung von Gletscher-Arbeit, gegen die ich mich wende. Die Bezeichnung ,Erosion" muß für die Einfurchung der Erdoberfläche durch das Wasser reserviert bleiben; das fließende Wasser wirkt im wesentlichen in der Linie. Die Abräumung der Erdoberfläche durch die Gletscher dagegen wirkt vorzüglich in der Fläche. Daher sprach A. G. Högbom auf dem Internationalen Geologen-Kongresse in Stockholm von der ,Denudation" durch die Gletscher; diese wirkt allerdings über Flächen, jedoch ist das Wort ,Denudation" stets für die Abwaschung der Erdoberfläche durch den Regen und die feinsten Wasseradern gebraucht worden. Ihre Wirkung weicht besonders dadurch von derjenigen der Gletscher ab, daß das denudierende Wasser einen sehr geringen, dagegen mächtige Eismassen durch ihre Schwere einen starken Druck auf ihre Unterlage ausüben. Für die eigenartige oberflächliche Abräumung des Landes durch die Gletscher möchte ich daher ein neues Wort in die geologische Nomenklatur einführen und will sie ,Detersion" nennen. Ich werde heute an einigen Beispielen die Gletscherwirkungen im Gebirge erläutern, nämlich die Entstehung der Kare, der kleinen Seebecken, der Trogtäler und der Hängetäler besprechen. I. Kare: Es wird allgemein angenommen, daß die Bildung der Kare irgendwie mit den Gletschern in Verbindung steht; die Mechanik der Ausräumung dieser Felscircus wird verschieden gedeutet. Sie kennen die Form und die Lage der Kare: am äußeren Rande von Bergplateaus, im Halbrund ausgefurcht, sitzen sie mit steilen Felswänden im anstehenden Gebirge; der flache Boden kesselförmig vertieft hinter einem Riegel, der zumeist von einem Moränenwall, gelegentlich auch von anstehendem Fels gebildet wird. Dieser Riegel gibt dem Kar die Form eines Lehnsessels; er ist gewöhnlich durchgeschnitten von einem Ausfluß, der den häufig vermoorten, zuweilen durch einen kleinen See ausgefüllten Boden des Kares entwässert.