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Den gegenwärtigen Stand unserer Kenntnis vom fossilen Menschen.

Branca

Kurzfassung

Zwei verschiedene Schädeltypen des fossilen Menschen treten bekanntlich in diluvialer Zeit in Europa auf: Ein höherer, der schon ganz so gestaltet war wie der des heutigen Europäers, und ein niederer, der Neandertal-Typus, der ganz ähnlich war, wie man ihn heute noch unter Australiern findet, unter denen Klaatsch sogar einen noch tieferstehenden Schädel als den Neandertaler gefunden hat. Auch auf den Philippinen (Luzon) soll Dr. Beau neuerdings diesen Neandertaler Typus lebend gefunden haben; und selbst von lebenden Europäern hat R. Virchow behauptet, daß er hier und da einmal auftrete. Selbst wenn man letzteres, als noch des Beweises ermangelnd, beiseite läßt, so ergibt sich doch, daß der höhere wie der niedere Schädeltypus, die bereits in diluvialer Zeit in Europa bestanden, auch heute noch auf Erden leben. Nur mit dem Unterschiede, daß der niedere Typus damals ebenso stark, wohl auch noch stärker verbreitet war als der höhere, während er jetzt bereits auf kleine Bruchteile der Menschheit beschränkt, also dem Aussterben verfallen ist. Aber es gab zu diluvialer Zeit in Europa noch einen dritten Typus, auf dessen große Wichtigkeit ich in meiner unten zitierten Arbeit hingewiesen und den ich als ,Zwitter-Typus" bezeichnet habe. In diesem Typus (Combe Capelle, Grotte des enfants) finden sich die Merkmale jener beiden Typen vereinigt; insofern, als der obere Teil des Schädels - was Steilheit der Stirn, Hohe des Schädeldaches sowie Fehlen der Überaugenbrauenbögen und Fehlen der Prognathie anbetraf - dem höheren Typus angehörte, wogegen der Unterkiefer in seiner Dicke und Kinnlosigkeit auf den niederen Typus hinwies. Die Wichtigkeit dieses Typus liegt darin, daß man bis jetzt jeden isoliert gefundenen Unterkiefer, weicher die Merkmale des niederen Typus zeigte, ohne weiteres dem Neandertal-Typus zurechnete, wodurch die Zahl der hierher gestellten Schädel natürlich eine größere wurde. Jetzt aber, nach Kenntnis des ,Zwitter-Typus", wird man gegenüber isolierten Unterkiefern mit niederer Gestaltung vorsichtiger sein müssen, da nicht ausgeschlossen ist, daß solche niederorganisierten Unterkiefer zu Schädeln des Zwitter-, d.h. eines höheren Typus gehören können. ...