Original paper

Das Diluvium im norddeutschen Tiefland,

Lepsius, R.

Kurzfassung

In einer brieflichen Mitteilung dieser Monatsberichte vom 3. Dezember 1910 (Jahrgang 1910, Nr. 12) hat mich Herr C. Gagel gefragt über meine Auffassung des marinen Diluviums und der pflanzenführenden Diluvialschichten Norddeutschlands. Ich antworte ihm darauf das Folgende: C. Gagel führt die bekannten Tatsachen an, daß sich in den marinen Diluvialschichten zwischen Moränen Muscheln vorfinden, welche einesteils hochnordischen Arten, wie sie jetzt in den Meeren um Island, Grönland und Spitzbergen in der Nähe von in das Meer ausmündenden Gletschern, andernteils Arten entsprechen, welche jetzt in der Nordsee leben. In meiner Geologie von Deutschland, Band II, habe ich diese Tatsachen angeführt und sie in ganz der gleichen Weise wie Herr Gagel und alle anderen Geologen dadurch erklärt, daß an den Orten, wo wir im Diluvium des norddeutschen Tieflandes Schichten mit jetzigen Nordseemuscheln finden, ein Meereswasser etwa von annähernd derselben Wärme oder auch etwas kälter als das jetzige Nordseewasser existierte, und daß an den Orten, wo wir Muscheln finden, die jetzt im kälteren Wasser bei Island und anderen nordischen Küsten leben, ein kälteres Meerwasser vorhanden war, also z. B. in der Nähe von Gletschern, die in das Meer mit ihren kalten Schmelzwassern einmündeten. Meine neue Auffassung leugnet nicht etwa diese bekannten Tatsachen - hierin hat mich Herr C. Gagel mißverstanden -, sondern bezieht sich auf die allgemeinen Ursachen der Wechsellagerung von Moränen und marinen Ablagerungen, wie sie z. B. dort in Schleswig-Holstein und in Lauenburg zwischen den Moränen eingeschaltet liegen. Herr C. Gagel und seine Kollegen von der Königlich Preußischen Geologischen Landesanstalt haben zur Erklärung solcher und ähnlicher Tatsachen das Schema der Schweizer Geologen angenommen: Während der Diluvialzeit wechselten in ganz Europa wärmere mit kälteren klimatischen Zeiten vier- oder fünf- oder sechsmal miteinander ab; die Schichten, in welchen eine dem jetzigen Klima von Europa entsprechende Fauna und Flora gefunden wurde, sollten während der wärmeren ,interglazialen" Zeiten, die Schichten, in denen eine ,hocharktische" Fauna (z. B. Yoldia arctica) und eine ,hochglaziale" Flora (z. B. Dryas octopetala) sich vorfanden, sollten während der kalt ,glazialen" Zeiten abgelagert worden sein. ...