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Zur Morphogenie der Präglaziallandschaft in den Westschweizer Alpen.

v. Staff., Hans

Kurzfassung

Vorwort. Wiederholt schon ist in den letzten Jahren die Vermutung ausgesprochen worden, daß die Alpen, sei es in ihrer Gesamtheit, sei es in einem begrenzteren Gebiete, vor der Vereisung einen sehr erheblichen Grad von Einebnung erreicht hätten. Doch ist ein Beweis für die Existenz einer präglazialen Peneplain bisher noch nicht einmal versucht worden, und ebenso fehlt jede kritische Behandlung des Problems. Überdies enthalten auch alle Versuche einer Rekonstruktion der Präglazialtopographie untereinander und sogar in sich selbst so zahlreiche Widersprüche, daß ein auch nur einigermaßen klares Gesamtbild noch nicht als erreicht gelten kann. Diese geringe Kenntnis ist zwar wohl erklärlich angesichts der Tatsache, daß Geologen und Geographen noch immer vorwiegend tektonischen und glaziologischen Problemen in den Alpen nachgehen; doch dürfte eine Zusammenfassung alles dessen, was man mit Hilfe der modernen geomorphogenetischen Betrachtungsweise über die Präglaziallandschaft der Alpen aussagen kann, gerade auch für die anderen Zweige der Geologie nicht unwichtig sein. Läßt sich doch nur dann z. B. angeben, um welchen Betrag und in welcher Richtung die glaziale und postglaziale Gesamterosion landschaftsverändernd eingewirkt hat, wenn die Höhenlage und die Gestaltung der Täler und Gipfel zur Zeit des Abschlusses des Pliocäns einigermaßen bekannt ist. Diese Gestaltung einfach aus einem Rückwärtsverfolgen des glazialen Erosionszyklus aufbauen zu wollen, geht nicht wohl an, da einmal die Gesetze des glazialen Zyklus selbst noch nicht genügend geklärt sind, somit vielfach Zirkelschlüsse sich einstellen würden, und da andererseits die Vielheit der von fluviatil erodierenden Interglazialzeiten unterbrochenen Vergletscherungsphasen es überaus erschwert, lokale Erscheinungen von allgemeinen sicher zu trennen. Mehr Erfolg würde somit der andere Weg verheißen, der aus der primären tektonischen Landschaft der Alpen deduktiv durch das Verfolgen des normalen fluviatilen Erosionszyklus die Morphologie vor dem Einsetzen der Eiszeit konstruiert. Hier würde die genetische Methode ja zugleich den Vorteil bieten, daß die Formen der Landoberfläche nicht nur schematisch beschrieben, sondern genetisch erklärt würden. Es wäre also in der Forderung, daß die einzelnen Form-Elemente zueinander stimmen müßten, d. h. der gleichen Phase eines Zyklus angehören, ebensowohl ein wertvolles Korrigens als ein methodisches Hilfsmittel zur Auffindung subtilerer Einzelheiten gegeben.