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Zur Stratigraphie und Tektonik des Simplongebietes.

Rothpletz, A.

Kurzfassung

Das Jahr 1908 brachte uns die schone geologische Karte der Simplongruppe von C. Schmidt und H. Preiswerk. Sogleich ging ich an die Arbeit, um mit absichtlicher Außerachtlassung früherer Publikationen der beiden Autoren nur allein aus der Karte die Tektonik dieser Gebirgsgruppe herauszulesen. Bei der Vortrefflichkeit der topographischen Unterlage, der Klarheit der geologischen Einzeichnungen und der Einfachheit der Stratigraphie dachte ich, daß meinem Vorhaben ernstliche Schwierigkeiten nicht entstehen konnten. Man hat es ja nur mit vier Schichteinheiten zu tun, der Jura-, Trias- und Carbonformation sowie des älteren Grundgebirges, und von diesen liegt die Trias als ein meist dünnes, durch seine gelbe Farbe auf der Karte deutlich hervortretendes und verhältnismäßig nur selten fehlendes Band so regelmäßig zwischen Jura und Grundgebirge, daß es für die Entwirrung des ungemein verwickelten Faltenbaues die Dienste eines Ariadnefadens leistet. Trotzdem bot mir der Versuch, in dieses Labyrinth einzudringen, ungeahnte Schwierigkeiten, und ich muß gestehen, daß ich eine völlig befriedigende Losung der Aufgabe nicht finden konnte. Der Fehler lag an mir, und als ich nachher die Schmidt-schen Profile zu Hilfe nahm, erkannte ich bald, daß es gar nicht so schwer ist, eine anschauliche Vorstellung von der Anordnung der Mulden und Sättel zu gewinnen, die mit dem Kartenbilde in Übereinstimmung steht, wenn man dabei von zwei bestimmten Voraussetzungen ausgeht. Diese Voraussetzungen sind: 1. daß jede auch noch so kleine Juraablagerung im Gneis durch muldenförmige Einfaltung in diese Lage gekommen sein muß und 2. daß jede der Gesteinsschichten einerseits eine unbeschränkte Verbiegungs- und Ausquetschungs-fähigkeit, andererseits aber doch einen solchen Grad von innerem Zusammenhalt besaß, daß Zerreißungen oder Zertrümmerungen durch die tektonischen Bewegungen ausgeschlossen waren. Da jedoch meine früheren Erfahrungen aus anderen Gebirgsgegenden mich in dieser Beziehung zu anderen Anschauungen geführt hatten, so sah ich mich nun für den Fall der Einwandfreiheit und Eindeutigkeit des neuen Kartenbildes vor die Notwendigkeit gestellt, meine tektonischen Vorstellungen zu ändern.