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Leitlinien varistischer Tektonik im Schwarzwald und in den Vogesen.

von Seidlitz, Wilfried

Kurzfassung

Der größere Teil der verschlungenen Faltungslinien der jungen europäischen Kettengebirge scheint heute schon entwirrt zu sein, und die Meinungsverschiedenheiten über die Gesetze, welche den alpinen Gebirgsbau beherrschen beginnen sich in ruhigeren Formen zu bewegen, seitdem man auch die mechanischen Grundlagen allmählich und mit Erfolg in den Kreis der Erörterungen einbezieht. Auch bei den kaledonischen Gebirgen Skandinaviens und besonders Schottlands, die sehr viel einfacher gebaut erscheinen, weil nur noch die tiefsten Falten der Rumpfschollen vorliegen, glaubt man einheitlichen Bauplan und feinere Züge der Tektonik in weitgehendem Maße erkennen zu können. Nur bei den carbonischen Gebirgen sind wir noch nicht viel über die Resultate herausgekommen, welche die Kohlengebiete Belgiens und der Rheinlande enthüllten, und über die primäre, carbonische Tektonik der inneren Ketten des varistischen Gebirges, ist man trotz jahrzehntelanger Aufnahmearbeit, nur sehr unvollkommen orientiert. Das, was man als solche anzusehen pflegt, ist doch meistens nicht viel mehr als die jugendliche Bruchtektonik und die vielfach erst durch posthume Bewegungen entstandenen Sattel und Muldenlinien. Die Schwierigkeit ist gerade in diesen Gebirgen deshalb eine besonders große, weil einerseits nicht die Vollständigkeit der Schichtenfolge, wie in alpinen Gebieten, vorliegt, andererseits die Schollen noch nicht bis auf die primärsten Strukturlinien abgehobelt sind, wie in den kaledonischen Gebirgen. Für einzelne Gebiete nahe der Scharung varistischer und armorikanischer Bögen haben französische Forscher die Konsequenzen aus den Erfahrungen der Alpeogeologie gezogen, für den deutschen Anteil dieses Faltungsgebietes liegen kaum mehr als einzelne aphoristische Andeutungen vor. Damit soll nicht etwa für eine Übertragung alpiner Tektonik auf die deutschen Gebirge eingetreten werden. Dies wäre eher geeignet, die Probleme zu verflachen als zu vertiefen; auch dürfte man es den berufenen Kennern der deutschen Mittelgebirge nicht verübeln, wenn sie über einen solchen Versuch zur Tagesordnung übergingen. Haben auch die bisherigen Vorstöße nach dieser Richtung zwar manches Problem ganz neu beleuchtet, so hat sich doch auch fast ausnahmslos gezeigt, daß eine derartige Übertragung verfrüht ist, ehe nicht Kartenaufnahmen über größere Gebirgsstrecken vorliegen. ...