Original paper

Zur Klärung tektonischer Grundbegriffe, Eine Entgegnung auf Stilles ,Saxonische Faltung"

Lachmann, R.

Kurzfassung

Die Mitglieder unserer Gesellschaft, welche sich am 8. August 1912 in Greifswald versammelten, waren zu einer Diskussion über die Tektonik Norddeutschlands auf Grund eines von Herrn Tornquist gegebenen Referates eingeladen worden. Der Referent bekannte sich durch die von Stille und anderen gegebenen Profile von einer Faltung des norddeutschen Mesozoikums für überzeugt. Im Gegensatz dazu haben sämtliche sechs Diskussionsredner (die Herren Pompeckj, Jaekel, Frech, Deecke und Bärtling außer mir) die Stillesche Ansicht von einer postpaläozoischen Faltung des deutschen Bodens angegriffen, und Herr Frech war deshalb in seinem Schlußwort als Vorsitzender wohl berechtigt, eine Konstatierung dieser Übereinstimmung vorzunehmen. Von einer Resolution in Form eines wissenschaftlichen Ketzergerichts, die Stille uns jetzt zuschreibt, war gar keine Rede. In meinem Vortrag habe ich damals die Bedeutung Stilles als Aufnahmegeolog unter Hinweis auf eigene Begehungen in seinem Gebiete ausdrücklich anerkannt. Stille hat aber - und in dieser Ansicht werde ich durch das Studium seiner ,Antwort" bestärkt - in seinen zusammenfassenden Schriften, namentlich seit 1909, eine wenig glückliche Hand gehabt. Man findet nämlich in seinen Arbeiten die tektonischen Grundbegriffe, z.B. Faltung, Senkung und Zerrung, nicht mit der notwendigen begrifflichen Schärfe angewandt. Man findet zweitens geologische Hypothesen, vor allem die Kontraktionstheorie, zu Deduktionen auf bestimmte Verhältnisse des deutschen Bodens ausgewertet, während sie in der Tat doch nur Hilfsschemata sind, deren Berechtigung wir bestreiten, und aus denen für einzelne Gebiete bestimmte Folgerungen abzuleiten durchaus mißbräuchlich ist. Stille hat drittens seine tcktonische Auffassung über Norddeutschland auf dem Gegensatz zwischen ,orogenetischen" und ,epeirogenetischen" Phasen aufgebaut, obwohl es nach den bis heute vorliegenden Tatsachen wahrscheinlicher ist, daß die Bruchbildung auch während den Sedimentationsperioden angedauert hat. ...