Original paper

Über tiefgreifende diluviale Störungen in einem Tertiär-Bohrloch bei Lübzin i. Pomm.

von Wichdorff, Hans Hess

Kurzfassung

Im Jahre 1910 wurde im Dorfe Lübzin im Kreise Naugard für die neuangelegte Molkerei ein Brunnen gebohrt. Der Bohrpunkt befindet sich inmitten des Dorfes, kaum 500 m vom Stettiner Haff bzw. seinem südlichen Ausläufer, dem Dammschen See, entfernt. Das ganze Dorf Lübzin liegt ungefähr 1 m über dem Spiegel der Ostsee, auf der ganz niedrigen, jüngsten Haffstausee-Terrasse, die fast unmerklich in die weiten Torfmoore übergeht, die sich am Ufer des Dammschen Sees ausdehnen. Die Bohrung ergab ein scheinbar völlig anderes Bild des Baues des Untergrundes, als man nach ihrer Lage in der Mitte des Stettiner Haffstausees hätte annehmen können. Die bisher bekannten spärlichen Tiefbohrungen im Gebiete des großen Haffstausees, die zur Feststellung seines tieferen Aufbaues wegen Mangels an privaten Bohrungen zum Teil seinerzeit von der Kgl. Preuß. Geol. Landesanst. niedergebracht worden waren (vgl. die Übersichtskarte Fig. 1), haben sämtlich gezeigt, daß im allgemeinen unter einer 3-9 m mächtigen Talsandablagerung vorwiegend mehr oder minder kiesige Spatsande in großer Mächtigkeit den Stausee-Untergrund bilden. Es sind hauptsächlich fluviatile Sedimente, die gelegentlich grobe Kieslagen und andererseits als echte Stauseebildungen reichlich Tonmergelbänke eingelagert enthalten. Ganz zurück treten im Aufbau des Untergrundes des Stausees die Grundmoränen-Ablagerungen. In der 46 m tiefen Bohrung am Bahnhof Gr.-Christinenberg ist überhaupt kein Geschiebemergel erbohrt, in dem Bohrloch im Jagen 10 bei Friedrichswalde ist nur eine 1/4 m starke Geschiebemergel-Lage inmitten der hier 203/4 m mächtigen diluvialen Absätze festgestellt worden. Eine weitere Bohrung am Bahnhof Carolinenhorst zeigt in dem 145 m mächtigen Diluvium nur eine einzige, 41/2 m starke Geschiebemergelbank, während das nahe am Rande des Haffstausees niedergebrachte Bohrloch im Jagen 94 bei Bahnhof Hohenkrug bei einer Mächtigkeit des Diluviums von über 114 m drei Geschiebemergelbänke von 3, 4 und 20 m aufweist. Diese Bohrungen lassen erkennen, daß das Inlandeis im Gebiete des Haffstausees eine außerordentlich tiefreichende Erosion im Untergrunde ausgeübt und schließlich das tiefe Erosionsbecken vorwiegend mit Schmelzwasserabsätzen, also fluviatilen Sedimenten, wieder ausgefüllt hat. ...