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Die morphologische Bedeutung der Grundwasseraustritte.

Wegner, Th.

Kurzfassung

Die Grundwasseraustritte sind von hoher Bedeutung für die Denudation und die Ausbildung der Hänge. 1. Meine Beobachtungen ergeben, daß in lockeren sandigen und sandig-tonigen Ablagerungen durch die Grundwasserbewegung eine subterrane Materialverlagerung stattfindet, und daß sich vor allem in der Nähe der Quellaustritte im Boden durch teilweise Entfernung der Ausfüllung der Poren zwischen den gröberen Körnern eine weitmaschige ,Sickerpackung" bildet. Nur so ist es überhaupt erklärlich, daß ein feinkörniges Material größere Wassermengen zur Quelle abgeben kann. Durch die Fließbewegung der Quellen findet so subterran eine Entführung von Bodenteilchen aus dem Bodeninnern statt. 2. Am Quellaustritt bildet sich durch subterranes Abstoßen von Bodenteilchen ein Kanal. Durch den Einbruch der Decke des Kanals entsteht eine Rinne, die sich durch Abrutsch von Schollen zur Quellnische erweitert. Diese wandert durch fortgesetzte subterrane Erosion in den Hang rückwärts. 3. Durch das Rückwärtswandern der Quellnischen wird das Hangende des Grundwasserhorizonts unterminiert, es brechen Schollen los, die auf dem durchfeuchteten Hang unter Mitwirkung des als Schmiermittel dienenden tonigen Grundwasserstauers hangabwärts in die Talaue wandern und hier durch Flußerosion entfernt werden. Auch der Quellabfluß trägt zu ihrer Beseitigung bei. In dem Abwärtswandern der Schollen zum erodierenden Bach und zudem in ihrer Beseitigung durch den Quellabfluß liegen weitere Momente der Bedeutung der Quellaustritte für die Denudation. 4. Bleibt der Quellaustritt an gleicher Stelle längere Zeit, bestehen, so bildet sich durch die rückwärtsschreitende subterrane Erosion, verbunden mit der subaëren Erosion des Quellabflusses und allmählich einbezogener Oberflächenwasser eine talartige Quellnische, die nach meinen Beobachtungen wenigstens zur Bildung kurzer Seitentäler führen kann. Es ist aber noch in geeigneten Gebieten zu untersuchen, ob und wie weit eine Talbildung durch oder wenigstens unter wesentlicher Beteiligung subterraner Erosion hervorgerufen werden kann. 5. Treten zahlreiche Quellaustritte in einem Gehänge aus, so wird daß Gehänge über der Quellzone gleichmäßig zurückverlegt, und es entsteht in der Höhenlage des Grundwasserstauers eine mehr oder weniger stark ausgesprochene Stufe. Von Bedeutung wird für diese Stufenausbildung vielleicht ein seitliches Wandern der Grundwasseraustritte infolge Bergrutsche oder schief zum Hang gestellter subterraner Grundwasserabflußkanäle sein. 6. Die Bedeutung der subterranen Erosion der Grundwasseraustritte kann nur in Gebieten junger Erosion in ihrer ganzen Größe erkannt werden. Die subterrane Erosion ist aber nach den vorstehend mitgeteilten Beobachtungen für die Morphologie ganz allgemein von hohem Interesse. Sie muß vor allem unmittelbar nach dem Anschneiden der Grundwasserhorizonte bzw. der Grundwasserstauer wirken und muß abgesehen vom ersten Affekt ihr höchstes Ausmaß erreichen, wenn während der Erosion im Grundwasserhorizont oder Grundwasserstauer der wechselnde Wasserstand des erodierenden Baches wiederholten Rückstau und wiederholte Absenkung bewirkt. Die Erscheinungen der subterranen Erosion des Grundwassers müssen vor allem dann von Bedeutung werden, wenn ein artesisch gespannter Grundwasserhorizont von der Flußerosion betroffen wird. Nicht nur für die Talform, sondern auch für die Talvertiefung muß alsdann das Grundwasser von Bedeutung sein.