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Ist der Dictyonemaschiefer eine Tiefseeablagerung?

Scupin, Hans

Kurzfassung

In unseren gebräuchlichsten Lehr- und Handbüchern werden Dictyonemaschiefer und Graptolithenschiefer als Ablagerungen des tieferen Meeres betrachtet. Frech nennt den Dictyonemaschiefer ,eine ausgesprochene Tiefseebildung" und spricht von einem abyssischen Graptolithenmeer. E. Kayser spricht nur von Absätzen eines tieferen Meeres, während in H. Credners Elementen der Geologie wieder geradezu von Tiefsee ablagerungen die Rede ist. Abgesehen davon, daß die Begriffe Tiefsee ablagerung und Tief Wasser ablagerung nicht immer mit der nötigen Schärfe auseinandergehalten werden, kann meines Erachtens bei den genannten silurischen Ablagerungen auch von T i e fwasser ablagerungen nicht die Rede sein. Diese Auffassung stützt sich wohl auf die Feinheit des Materials und die Dünnschiefrigkeit, die eine ruhige Sedimentierung voraussetzt, sowie die mangelnde Oxydation, wie sie in tieferen Meeren, etwa von der Art des Schwarzen Meeres, beobachtet werden kann. Daß ein tiefes Meer aber nicht die alleinige Voraussetzung für eine derartige Bildung ist, zeigen bereits die Faulschlammablagerungen des produktiven Oberkarbons und des Beiliegenden, weiter auch der Kupferschiefer, der als Zwischenglied zwischen dem kontinentalen Rotliegenden und der ganz flachen Bildung des Zechsteinkalkes nicht in großer Tiefe entstanden sein kann, sondern nur die Ablagerung eines stagnierenden Wasserbeckens beim Eindringen des Zechsteinmeeres auf den Rotliegend-Kontinent darstellt. Um sich von den Bildungsbedingungen des Dictyonemaschiefers eine Vorstellung zu machen, vergegenwärtige man sich kurz die erdgeschichtüliche Entwicklung der vorangehenden kambrischen Ablagerungen. An die Basis des Kambriums in Estland wird bekanntlich gewöhnlich der Blaue Ton gestellt, für dessen vorkambrisches Alter neuerdings Joh. Walther eingetreten ist, eine Auffassung, die übrigens bereits von F. Schmidt angedeutet wird und die viel für sich hat, wenn man den überlagernden Eophyton-Sandstein mit dem schwedischen Eophyton-Sandstein parallelisiert, der dort als ältestes Glied des Kambriums gilt. ...