Original paper

Das Abbild der jungen Krustenbewegungen im Talnetz des steirischen Tertiärbeckens.

Winkler, A.

Kurzfassung

Die eigentümlichen Talverschiebungen im Talnetz der Steiermark, ihr Zusammenlaufen in den Synklinalzonen, ihr Abdrängen von den Wölbungen zeigen, wie hier dargelegt wurde, daß diese Bewegungstendenzen nicht nur bis in das jüngste Pliocän, sondern auch bis in das Quartär und in die Gegenwart hinein auf das Flußnetz wirksam sind. Wir stehen anscheinend noch inmitten eines geologischen Geschehens, welches sich zwar graduell, nicht aber so sehr prinzipiell von jenen stärkeren, faltenden und aufwölbenden Vorgängen unterscheidet, die in ausgesprochenen tektonischen Phasen (im Mittel-Miocän, im obersten Miocän und im mittleren Pliocän) das Gebirgsgerüst in Bewegung gesetzt haben. Es gibt mancherlei Anzeichen für eine Veränderung im Bewegungssystem des steirischen Beckens während seiner jungpliocänen-quartären Entwicklung. In der früher angedeuteten Erweiterung der Grabenlandaufwölbung und in dem räumlichen Ausgreifen des Senkungsfeldes von Güns-Steinamanger-Körmend scheinen größere Beispiele dieser Art vorzuliegen, denen zahlreiche, unbedeutendere Fälle angereiht werden könnten. Ich habe an anderer Stelle diese Jungbewegungen im Gesamtbild der tertiären Tektonik des Ostrandes der Zentralalpen einer Betrachtung unterzogen und hervorgehoben, daß diesem System von den Alpen ausstrahlender, jugendlicher Schwellungen und Niederbiegungen vermutlich langdauernde Massenverschiebungen im Untergrunde der Scholle zugrunde liegen (17). Die jungen Bewegungen streben dahin, Teile der vorher (im Miocän und Altpliocän) abgesenkten, östlichen Zentralalpen durch eine schwächere Wiederaufwölbung dem Alpenstamm anzugliedern, während gleichzeitig weiter ostwärts - im Bereiche der kleinen ungarischen Tiefebene - stärkere, junge Einmuldungen zur Geltung kommen. Innerhalb der aufsteigenden Scholle bleiben aber die örtlichen, ererbten Tendenzen zur relativen Einmuldung oder stärkerer Aufbiegung meistens noch erhalten. Die Jungbewegungen im steirischen Becken werden, wie gezeigt wurde, von den Verschiebungen des Talnetzes in deutlicher Weise abgebildet. Indem die Flüsse, den tektonischen Impulsen folgend, in einem von lockeren Sedimenten erfüllten Tertiärbecken nach der Tiefe und nach der Seite nagten, ließen sie hierbei ein Abdrängen von den Wölbungen, ein Zustreben gegen die Einmuldungen erkennen. Diese Ergebnisse im steirischen Becken bilden einerseits ein Gegenstück zu den speziell von Ampferer im Inntal erwiesenen Talverbiegungen; sie sind aber andererseits noch von besonderer Bedeutung, da sie die Bewegungen des Quartärs und der Gegenwart an die pliocäne Tektonik anknüpfen lassen. So erscheinen hier die Auswirkungen geologischer und morphologischer Vorgänge durch ein Band aus dem Tertiär fortwirkender, junger Bewegungen miteinander eng verbunden.