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Die älteren Baupläne in den Ostalpen.

Schwinner, Robert

Kurzfassung

Das Aktualitätsprinzip, seit langem als Grundlage der geologischen Wissenschaft anerkannt, hat sich auf dem Gebiet der Tektonik doch erst verhältnismäßig spät durchgesetzt. Besonders in der Alpentektonik traf man noch vor kurzem Anschauungen, welche mit jenem Grundsatz nicht in Einklang gebracht werden konnten. ,Die Alpenfaltung", als ein einziger einheitlicher Vorgang aufgefaßt, übertraf in Ausmaß und Heftigkeit der Bewegungen weitaus alles ,aktuell" Bekannte, auch wenn man eine mäßige Steigerung der uns in ihrer Wirkungsweise bekannten geologischen Kräfte für vereinbar mit dem Aktualitätsprinzip gelten läßt. Diese Unstimmigkeit wurde behoben durch eine, in erster Linie von Beobachtungen in den Ostalpen ausgehende Erkenntnis, daß nämlich der Bau der Alpen nicht geschaffen worden ist durch einen derartigen einheitlichen katastrophalen Vorgang, sondern durch eine zeitliche Folge von vielen einzelnen tektonischen Akten, deren Bewegung im Bilde einfach und im Ausmaß klein war. Zu gewissen Zeiten allerdings häufen sich solche kleinen Rucke episodisch an (Phasen der Faltung nach Stille) und zwar sind solche aufeinanderfolgende tektonische Akte im Bewegungsbild einander sehr ähnlich, als ob sie einem vorher entworfenen Plan folgen würden. In diesem Sinne kann man von einem Bauplan sprechen, der einer bestimmten Faltungsphase eigentümlich ist; ja insofern auch das Bewegungsbild mehrerer aufeinanderfolgender Phasen nicht viel verschieden ist, natürlich mit gewisser Verallgemeinerung, von einem Bauplan einer bestimmten, jene Phasen umfassenden Ära der Faltung. Eine selbstverständliche Folgerung aus dem Aktualitätsprinzip ist nun die Forderung, den Vorgang der Faltung bis ins einzelne konkret zu erfassen; also wenn schon die einzelnen kleinen tektonischen Akte geologisch kaum zu erfassen sind, doch die einzelnen Phasen und Ären ihren Bauplänen nach räumlich darzustellen und dann untereinander zu vergleichen. Ist ein Vergleich mit der Jetztzeit - im strengen Sinn des Aktualitätsprinzips - auch nicht möglich, da diese anorogen ist, so können doch die jüngeren Faltungsphasen für besser bekannt gelten als die andern, und überhaupt entspricht es jenem Grundsatz, Lücken und Unsicherheiten in Beobachtung eines Vorganges durch Vergleich mit analogen jüngern oder ältern zu verbessern. Daß die Durchführung dieses Programmes sehr wünschenswert wäre, wird kaum jemand bezweifeln; in Frage gestellt wurde aber die Möglichkeit; nicht selten ist die Meinung ausgesprochen worden, daß die jüngste Faltung die Spuren der älteren verwischt und unkenntlich gemacht habe. Eine kurze Überlegung zeigt, daß dies etwas voreilig geurteilt sein dürfte. Nehmen wir an, daß im Bereich der eigentlichen Oberflächentektonik eine neue Faltung ein bereits gefaltetes Stück Land ergreift, so kann ihr Streichen die älteren Falten kreuzen - dann müssen komplizierte Strukturen, Keil- und Querschollen entstehen, im einzelnen vielleicht schwer zu deuten, aber sicherer Beleg für Mehrphasigkeit des Baues an und für sich; oder die jüngere Faltung benützt restlos die Bewegungsbahnen der älteren - dann mag, wo junge Ablagerungen fehlen, der Anteil beider schwer gegeneinander abzugrenzen sein, aber von ,verwischen" kann man da eigentlich nicht sprechen. ...