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Grundsätzliches zur Entstehung der Landschaft von Wien

Suess, Franz Ed.

Kurzfassung

I. Die Anlage im großen. Die Landschaft der Gegenwart ist ein letzter Rückstand, in dein Spuren alles einstigen geologischen Geschehens enthalten sind. Nichts aus der geologischen Vergangenheit bleibt völlig beziehungslos zur heutigen Geländeform. Ihre Enträtselung wird damit zur nie restlos zu bewältigenden Aufgabe. Was geboten werden kann, bleibt stets nur ein Umriß und eine Skizze. Es beschränkt sich auf die allgemeineren Vorgänge für die entlegenere geologische Vergangenheit, und reichere Einzelheiten anderer Art enthüllt der nahe und nächste zeitliche Vordergrund. Der Versuch, das gegenwärtige Augenblicksbild eines Erdstriches verständnisvoll anzugliedern an den Strom der vergangenen Geschehnisse, begegnet schon darum nicht geringen Schwierigkeiten, weil er sich fast beständig auf noch strittige Grundfragen der Erdgeschichte zu beziehen hat, und es kann Geschlossenes und Einheitliches nur von einem Standpunkte aus durchgeführt werden, der aus persönlicher Erfahrung gewonnene Anschauungen und Gesichtspunkte verwertet; und es wird hier beabsichtigt, gerade die persönlichen Auffassungen, die mit denen vieler Fachgenossen nicht übereinstimmen, auf den Plan zu führen und an dein zu erläuternden Beispiele zu bekräftigen; wenn auch eine volle kritische Würdigung und erschöpfende Behandlung der hier vor allem in Betracht kommenden Fragen das vorgesteckte Ziel weit überschreiten würde. Die Umgebung von Wien, in der Gebirge und Flachländer, Strukturen und Formationsreihen von so ungleichem Alter und so ungleicher Beschaffenheit mit kennzeichnender landschaftlicher Prägung so nahe zusammentreten, ist für Betrachtungen dieser Art besonders geeignet. Großtektonische Gliederung: Dem Geographen und dem Geologen ist es bekannt, daß kaum eine andere Großstadt ihre Lage so klar und bestimmt von der Natur vorgezeichnet erhielt, wie Wien. Die Lücke in dem alpin-karpathischen Bogen, die der große Strom benützt, ist zugleich der einzige offene Weg zwischen dem nordwestlichen und dem südöstlichen Europa, die Straße uralten Warenaustausches, die Straße der Völkerwanderung, die Bahn für das Vordringen der westlichen Kultur seit dem frühen Mittelalter und der unverrückbare Hauptweg des Verkehrs zwischen Ost und West bis in die Gegenwart. Nach den Bergen oberhalb Wiens war schon um das Jahr 1100 die Ostmark des Deutschen Reiches unter Leopold Dem Heiligen dem Babenberger, gegen die Ungarn vorgeschoben worden. ...