Original paper

Über Grundtheorien der Erdgestaltung.

von Bubnoff, S.

Kurzfassung

In Vorlesungen über allgemeine Geologie betone ich stets bei der Besprechung gebirgsbildender Theorien, daß ich keine restlose Lösung zu geben vermag, daß heute aber kaum jemand dazu imstande wäre; wenn er es trotzdem behaupte, solle man ihm nicht glauben. In der Tat ist der Wirrwar in den Grundanschauungen heute größer denn je, und bei einer Abstimmung würde sich ein ähnliches Bild ergeben wie in der Politik, das heißt auf 100 Abstimmende würden - mindestens - 100 Theorien kommen. Die Ursache liegt meines Erachtens darin, daß man an Stelle des geologisch erfaßbaren Bewegungsbildes eine geophysikalisch nicht restlos eindeutige mechanische Formel setzen will, in der heute noch wichtige Konstanten fehlen; aus Gleichungen mit mehreren Unbekannten kann man aber beliebig viele Resultate ableiten. Was uns not tut, ist vorerst eine Systematisierung aller auf der Erde bekannten Bewegungsformen. Erst wenn dieses - rein geologisch erfaßbare - Ziel erreicht sein wird, kann man an eine geophysikalische Deutung von mehr als ephemerem Charakter herangehen. Versucht man trotzdem, die heute verbreiteten Theorien der Gebirgsbildung zu ordnen und zu werten, so ergibt sich zuerst die Alternative, welche ARGAND in die Schlagwörter Fixismus oder Mobilismus zusammengefaßt hat, die ich weiterhin verwenden will, mit dem vorbehaltlichen Wunsche, daß sie zukünftig durch terminologisch glücklichere Ausdrücke ersetzt werden mögen. Die Grundfrage lautet danach: ist die Erdrinde im ganzen oder in ihren Teilen unbeweglich gegenüber einem an die Rotationsachse geknüpften Koordinatennetz, oder sind Bewegungen gegenüber diesem möglich und nachweisbar? Auf fixistischem Boden steht die altehrwürdige Kontraktionstheorie. In ihrer Ablehnung begegne ich mich mit HAARMANN, wobei ich allerdings manche andere Argumente in den Vordergrund stellen würde. Der anscheinend schwerwiegende Einwand von der Unmöglichkeit von Druckübertragungen ist ja nach den neuesten Rechnungen von JEFFREYS, GUTENBERG und andern nicht mehr unbedingt gültig, wenn auch nach ihnen quantitativ die Kontraktion zur Erklärung der. Gebirgsbildung nicht ausreicht. Schwieriger ist schon die Deutung der Episodizität der Orogenesen und des zonaren Baus der Faltengebirge, die meines Erachtens ohne unbewiesene und unbeweisbare Hilfskonstruktionen kaum möglich ist. ...