Original paper

Zu E. HAARMANN'S Oszillationstheorie (Briefliche Mitteilung an Herrn R. BÄRTLING.)

Cloos, H.

Kurzfassung

Ich habe das HAARMANN'sche Buch gründlich durchgenommen und letzthin auch einen Vortrag des Verfassers in unserm hiesigen Kolloquium gehört und diskutiert. Grundsätzlich macht, soviel ich sehe, HAARMANN vier verschiedene Aussagen: 1. Vertikale Auf- und Abbewegungen spielen eine ungleich größere Rolle in der Erdkruste, als gewöhnlich angenommen wird. Diesen Gedanken energisch zu betonen halte ich für sehr segensreich, zumal ich selbst immer wieder darauf zurückkomme. Denn unter dem Einfluß der Alpentektonik ist die Lateralbewegung ungebührlich in den Vordergrund geschoben worden. 2. Solche Vertikalbewegungen können zur Bildung von Klüften und Spalten führen. Das ist sicher richtig und beispielsweise früher einmal für die Freiberger Erzgänge von BECK durchgeführt worden. Ein intimer Zusammenhang zwischen Aufwölbung und Spaltenbildung ergibt sich in meiner Granittektonik, zum Beispiel im Riesengebirge. Ich habe darüber auch Versuche angestellt und gefunden, daß im Experiment schon äußerst leichte Durchbiegungen, die man mit bloßem Auge kaum wahrnimmt, genügen können, um ein dichtes und regelmäßiges Netz von Spalten und Verschiebungen hervorzurufen. Ob es freilich angeht, die Fjorde Norwegens so zu erklären, sei dahingestellt, denn sie sind doch älter als die Vergletscherung, nach deren Abschluß die Aufwölbung nach allgemeiner Ansicht erst einsetzen soll. Auch trifft es nicht zu, daß die Fjordgebiete im allgemeinen unter 45° nördlicher oder südlicher Breite liegen. 3. Die Großfaltung der Erdkruste ist eine Gleitfaltung, verursacht durch die Einwirkung der Schwere auf Schichtenstöße, welche durch Aufsteigen von Tumoren in geneigte Lage gekommen sind. Dies ist ja wohl der Schwerpunkt von HAARMANN'S Lehre. Solche Gleitfaltung wurde von REYEK und wie bekannt neuerdings in größerem Umfange von AMPFERER, angenommen. Auch westalpine Geologen neigen dazu. Selbst habe ich seit langem den Eindruck, daß man den Deckenbau der Alpen nicht gut ohne Mithilfe von Abgleitungen erklären kann. Eine andere Frage ist, ob wir die Ursache des Gefälls in autonomen Tumoren oder in Aufhöhung gewisser Zonen durch den Zusammenschub selbst erblicken wollen. In den Alpen halte ich diese letzte Vorstellung für die einzig mögliche. Während der Faltung werden teils durch diese, teils wohl auch durch Aufstieg von Bestandteilen einer tieferen Zone Höhenunterschiede geschaffen, welche die normale Zusammenschiebung zur Gleitfaltung steigern können. ...