Original paper

Zu HAARMANNS Oszillationstheorie.

Harrassowitz, Hermann

Kurzfassung

Im letzten Augenblick an der Reise nach Berlin verhindert, kann ich nur eine kurze Äußerung zu HAARMANN'S neuem Buche geben, nachdem ich seine früheren Veröffentlichungen von jeher mit großem Interesse verfolgt hatte. Ich stehe der Theorie wesentlich zustimmend gegenüber und kann dies um so mehr tun, als ich in meiner Hauptvorlesung über Tektonik seit langem Gedankengänge eingeschlagen hatte, die mir die Annahme der HAARMANN'schen Theorien ohne weiteres ermöglichen. An den Anfang meiner Vorlesung setzte ich eine Betrachtung über Hebung und Senkungen als wichtigste beobachtbare Bewegungen. Untersuchungen im flandrischen Küstengebiet, das das Auf und Ab bis in jüngste Zeit besonders schön wiedergibt, und im Donez-Karbon, das ein gutes fossiles Beispiel darstellt, gaben einen Ausgangspunkt, der die Bedeutung der vertikalen Bewegungen lebendig wiederzugeben gestattet. Den HAARMANN'schen Oszillationen primärtektonischen Charakter zuzuschreiben, erscheint mir so in jeder Weise begründet. Er hebt Vorgänge heraus, die bisher, wie sich schon rein äußerlich aus der Einordnung der betreffenden Kapitel in unsere Lehrbücher ergibt, in ihrer tektonischen Bedeutung zu Unrecht vernachlässigt wurden. Wenn die großen Faltungen geosynklinaler Senkungsgebiete von HAARMANN als Sekundärtektonik betrachtet werden, so darf man darauf hinweisen, daß die bisherigen Darstellungen sie von der vorhergehenden Senkung, mit der sie doch geschichtlich verknüpft sind, vollständig loslösten. Auch hier liegt ein wesentlicher, übrigens von anderer Seite auch schon angeregter Fortschritt vor, so daß die Verschiedenheit vorhergehender, angeblich ,epirogener" und nachträglicher ,orogener" Vorgänge verschwindet. Die moderne Auffassung alpiner Tektonik wird durch HAARMANN wesentlich bestätigt und gestützt. Für jeden Geologen, der in den Alpen gearbeitet hat, war es klar, daß die großen Überschiebungen und Decken tatsächlich bestehen, es war aber unmöglich, sie auf dem bisherigen Wege verständlich zu machen, da die mechanischen Eigenschaften der Gesteine in unlösbarem Widerspruch dazu standen. ...