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Zu E. HAARMANN'S Oszillationstheorie.

Hennig, Edwin

Kurzfassung

Ein hinreichend unterbauter und kühner Versuch zur Bewältigung eines bislang offengebliebenen Problems, die Gestaltung eines neuen umfassenden Weltbildes ist immer der Anerkennung und des Dankes wert. Zu den beiden diametralen Gegensätzen von KOBER und WEGENER gesellt sich ein dritter mit jenen unvereinbarer Anschauungskomplex: HAARMANN will ohne jede Tangentialkraft der Erdkruste auskommen, horizontale Bewegungskomponenten nur als Gleitprozeß auf die Schwerkraft zurückführen. Schließlich ist das letztere keine allzu durchgreifende Abweichung vom fast leidenschaftlich bekämpften Gedankengebäude eines EDUARD SUESS; mindestens hätte jener die führende These des Abschnitts über Primärtektogenese (,31" auf S. 25) gut und gern als Motto übernehmen können: ,Die Kraftquelle aller Tektogenese ist die Schwere". Der Unterschied besteht im Leugnen der Möglichkeit, einen Gewölbedruck in der Erdkruste sich fortpflanzend zu denken. Der bekannte WEPFERsche Einwand fußt auf der Fiktion, daß wir über die Stärke jenes vermeintlichen Drucks irgend etwas aussagen, ihn zur Druckfestigkeit der Gesteine zahlenmäßig in Vergleich setzen könnten. (Vgl. GESZTI, GERLAND'S Beitr. Geophysik 1929.) HAARMANN ist durch Verzicht auf jene Vorstellung genötigt, für die Entstehung von Falten jeweils ein Gefälle vorauszusetzen, unter Umständen rein hypothetisch und entgegen dem empirisch in der Gegenwart Zugänglichen: ,Der Zusammenschub, soweit er durch unmittelbare Schwerewirkung veranlaßt wird, ist gefällabwärts gerichtet" (S. 22). Trifft oder traf das beispielsweise für den Schweizer Jura zu, der auf das uralte Vogesen-Massiv hinaufgedrängt erscheint? Alle Geosynklinal-Faltung, die über das benachbarte Epikontinental-Gebiet hinweggriff, ist in ähnlicher Lage. Die Faltengebirge quellen aus den Geosynklinalen nach außen, nicht in sie hinein. Der Senkungstrog war sedimentär, nicht tektonisch ausgefüllt worden. Die Haupthebungen des Alpenkörpers betrafen ein bereits - und zwar embryonal überwiegend submarin! - gefaltetes Gebiet. ,Tumor"-Bildung und Faltung hatten nicht die von HAARMANN theoretisch geforderte zeitliche Aufeinanderfolge. ...