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Unterströmungstheorie statt Oszillations-Hypothese.

Kraus, E.

Kurzfassung

Die begrüßenswerten HAARMANNSchen Ausführungen gipfeln in einer Synthese, der ich aus verschiedenen Gründen nicht zustimmen kann. Nach Bemerkungen zur Nomenklatur, bei denen namentlich zur Ablehnung der Begriffe ,Orogenese" und ,Epirogenese" Stellung zu nehmen war, habe ich jene Gründe näher behandelt. Die von der Hypothese angenommenen Einwirkungen sind kosmische und sollen den gesamten Erdkörper betreffen. Dann müssen sie dies auch durch eine regelmäßige, in der Hauptsache äquatoriale Lage bekunden, sowie durch einen allgemeinen Wulst, aber nicht durch Oszillationen, die bald hier bald dort als Druckventile funktionieren. Wir wissen nichts von einem äquatorialen Wulst. Als Grund hierfür kann nicht die subkrustale Magma-Verteilung gelten, denn die Fließzone, in der die Massenbewegung vor sich gehen wird, muß überall angenommen werden. Auch heute liegen die Brennpunkte geosynklinaler, also gebirgsbildender Tätigkeit nicht zunächst dem Äquator. Eine einfache Rechnung zeigt, daß schon bei einer Reliefböschung von 25 Grad, bei der noch lange kein Abrutschen silikatischer Gesteinsmassen erfolgt, eine Masse von 100 km Breite 47 km hoch sein muß. Da die alpinen Decken oft 100 und 200 km breit einheitlich sedimentiert und dann einheitlich als Decken fortbewegt wurden, müßten also die Aufragungen der Erdoberfläche das unvorstellbare Maß von 50 km und mehr erreicht haben, wenn diese Decken durch Abgleiten unter der Schwerkraft entstanden sein sollen. Kontrollierbare Beispiele aus Gegenwart oder Vergangenheit können auch von HAARMANN für solche Vorgänge nicht angeführt werden. ,Volltroggleitung", bei der so gut wie kein Druckgefälle besteht, kann ich nicht anerkennen. Typische Tatsachen im geosynklinalen Bezirk sprechen ganz entschieden gegen die Oszillations-Hypothese. Die Schichten falten sich kräftig nicht erst während der Aufkippung, sondern schon während der Senkung, und zwar unter immer weiter fortschreitender Einengung. Die normale Tatsache, daß dem hyporogenetischen Stadium im orogenen Zyklus jeweils das epiorogenetische folgt, kann von HAARMANN nur durch zufällige Hebungs-Oszillation erklärt werden, nicht aber als Regel, die zwangsläufig aus dem Gesamtgeschehen folgt. Die Allgemeinheit des ,Aufundab" trifft übrigens nicht zu, da zahlreiche Gebiete für lange Zeitdauer entweder Hebungs- oder Senkungsgebiete sind. In der Ablehnung der Kontraktions-Hypothese und auch, der Hauptsache nach, in der Stellungnahme zur Onerar-Isostasie stimme ich HAARMANN bei, wenn auch nicht in allen Einzelheiten der Begründung. Die Übernahme zahlreicher berechtigter, vom Verfasser nicht beseitigter Einwände gegen die Gleithypothese REYER'S in die Oszillations-Hypothese schwächt diese sehr. Einwandfreie Vorstellungen aber hat sie meines Erachtens mit der Unterströmungstheorie gemeinsam, zumal auch HAARMANN eine, wenn auch keine sehr umfangreiche Unterströmung, verbunden mit Zusammenschiebung des Hangenden, annehmen muß. Daher bestehen zwischen unsern Ansichten bei grundsätzlicher Anerkennung ähnlicher Hauptprinzipien - freilich nicht aller - nur quantitative Verschiedenheiten. Die Grundlagen der Unterströmungstheorie, deren Gedankenwege den Beobachtungen im Kleinen und im Großen zwanglos zu folgen vermögen, sind der Oszillations-Hypothese weit überlegen. ...