Original paper

Über das Wesen der im Innern alpinotyper Gebirgssysteme wirksamen orogenen Prozesse. (Bemerkungen zu HAARMANN'S Oszillationstheorie.)

Lotze, F.

Kurzfassung

Das Gesamtwesen der tektonischen Vorgänge, die sich bei der Bildung unserer großen alpinotypen Gebirgssysteme abgespielt haben, läßt sich in den Bereichen ihrer stärksten Wirksamkeit - so etwa in den zentralen Teilen der Alpen oder im Innern der Pyrenäen - meist am wenigsten erkennen, da hier die jungen Deckschichten der Erosion gewöhnlich anheimgefallen sind und da hier oft magmatische Prozesse Strukturen zerstört und eigene Züge in das Gesamtbild eingefügt haben. So bleibt hier vielleicht vielfach die Möglichkeit zur Annahme großer Gleitungen im Sinne von HAARMANN'S Sekundärtektogenese und bedeutsamer damit verbundener Zerrungen bestehen. Aber dort, wo solche Gebirge im Fortstreiehen absinken und sich das ihre Zentralmassive überlagernde Deckgebirge einstellt und wo gleichzeitig mit der Verschwächung der Tektonik leichter analysierbare Bilder entstanden sind, läßt sich gelegentlich mit größerer Sicherheit das Wesen der tektonischen Prozesse erkennen. Es bedeutet dann eine einfache Forderung der Logik, den so erkannten Mechanismus auch für die intensiver gestörten Teile anzunehmen, sofern sie mit jenen gleichzeitig und einheitlich entstanden sind. Ein solcher Fall liegt in den westlichen Pyrenäen vor, wo diese im Raum südöstlich von San Sebastian axial abtauchen, um aber doch als Zone noch recht intensiver alpinotyper Faltung durch das Cantabrische Gebirge sich bis westlich Bilbao fortzusetzen. Ein Querschnitt durch diese westlichen Gebiete zeigt ein Gebirge, das in seinen nördlichen Teilen einheitlich und stark gegen Norden überfaltet ist und in seinen südlichen Angliederungen, den Montes Obarenes, eine überwiegende Südfaltung aufweist. In dem Zwischenbereich hätte man nach HAARMANN'S Theorie ein Zerrungsgebiet zu erwarten, aus welchem die zum Teil erheblich überschobenen Massen der nördlichen und südlichen Gebirgsteile abgeglitten wären. Aber wie bisherige Untersuchungen zeigten, liegt auch hier, im ,Scheitelungsgebiet", ein reiner Pressungsraum vor, und jeder Hinweis fehlt, daß hier etwa ursprüngliche Zerrungsformen durch spätere, aus veränderter Konstellation erwachsene Pressungen umgeformt wären. Hier erweist sich also das Pyrenäensystem in seiner Gesamtheit als echte Pressungs- und Einengungszone. Man ist geneigt, dieser Erscheinung als einer Teilerscheinung im alpinen System generellere Bedeutung beizumessen. ...