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Bemerkungen zu E. HAARMANNS Oszillationstheorie.

Suess, Franz Ed.

Kurzfassung

Der Anschauungsbereich der Geologie ist so vielfältig, daß er heute weniger als je in seinem ganzen Umfange von einem Einzigen überschaut werden kann; daher gibt es eine solche Mannigfaltigkeit von in ihren Grundvoraussetzungen einander widersprechenden Hypothesen. Wird es dem Einzelnen zumeist nicht leicht sein, die in seinem besonderen Anschauungskreise entstandenen Vorstellungen preiszugeben für solche, die von anderen Forschungsgebieten herstammen, so bleibt es doch immer lehrreich, auch widersprechende Gedankengänge kennen zu lernen und dabei wahrzunehmen, aus welchen vielleicht hier oder dort vernachlässigten oder einseitig gedeuteten Erfahrungen der Widerspruch zu verstehen sein mag. Dem Tektoniker der Wiener Schule wird es besonders schwer sein, die tangentiale Bewegung als Sekundärphänomen aufzufassen, da er im alpinen Bau und auch im Grundgebirge der böhmischen Masse (insbes. in der moravisch-moldanubischen Zone) die großartigsten und umfassendsten Zeugnisse des tangentialen Schubes so greifbar vor Augen hat. Der gesamte Körper des Gebirges wird von der Horizontalbewegung beherrscht, und vor allem ist in dem inneren, allermächtigsten kristallinischen Anteile der Gebirge die Umprägung der Gesteine zu metamorphen Schiefern unter der Einwirkung darüber hingleitender Massen vor sich gegangen. Das lehrt unzweifelhaft das Studium der Gesteine. Ausgedehnte granitische; Batholithen sind dabei mit verschleppt und verschiefert worden. Worin auch, wie allgemein anerkannt wird, frei gefaltete und überschobene, nicht metamorphe Zonen im Faltenbau, wie die Helvetiden und die östilichen Kalkalpen im alpinen Bau, abgleitend durch ihr eigenes Gewicht geformt worden sind, so kann doch die Gesamtstruktur der Orogene nicht durch einen solchen Vorgang erklärt werden. Wenn man wohl mit Berechtigung eine Sekundärteklogenese von einer Primärtektogenese abtrennen kann, so wäre doch, nach meiner Ansicht, den Begriffen ein anderer Umfang zu geben. Die ganzen Orogene wären der Sekundärtektogenese anzufügen und die Primärtektogenese bestünde in der Gesamtbewegung großer Schollen, wie das z. B. an dem Vorschube der moldanubischen Scholle gegen die variszische Faltenzone zu erkennen ist. ...