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Beobachtungen im Himalayasystem und Gedanken zur Oszillationstheorie.

de Terra, Hellmut

Kurzfassung

In einem soeben veröffentlichten Aufsatz habe ich zwei Beispiele von ,Volltroggleitung" beschrieben, die geeignet sind, ein grundsätzliches Argument der HAARMANN'schen Hypothese zu bekräftigen. Es ist dies die Behauptung, daß durch Gleitung beweglicher Massen tektonische Formen gebildet werden können, die bislang als Ausdruck tangentialen, durch Kontraktion bewirkten Zusammenschubs betrachtet wurden. In dem einen Beispiel stellte ich dar, wie ein gleichmäßig reiner Sandstein mit ausgesprochener Kreuzschichtung in flachen Trögen (Durchmesser 30 m, Länge bis 300 m, Tiefe 10 m und mehr) durch Gleitung gefaltet wurde. Die Faltungsstrukturen gewinnen hierbei an Kompliziertheit mit zunehmender Entfernung vom Trogrand und ferner kennzeichnen steilfallende Störungslinien den einstigen Stirnrand der gleitenden Sandschichten, die offenbar während des Abgleitens auf Widerstände stießen und rückgefaltet, wurden - ein Vorgang, der sich wiederum in intensive Fältelung umsetzte. Im Felde zeigt sich, daß jeder dieser Tröge seine eigene Faltung hat, die bestimmt wird durch Trogform, Art und Zusammensetzung seiner sedimentären Füllung und offenbar durch die Art, wie der Widerstand an der entgegengesetzten Trogflanke erzeugt wurde, das heißt entweder durch die Trogwand selbst oder durch hier abgelagerte Schichten. Diese Beobachtungen, die im Westen der Vereinigten Staaten an den ,Buttes" des Sand Creek-Gebietes bei Laramie, Wyoming, gemacht wurden, halfen mir zur Lösung einer regionaltektonischen Frage, die durch meine Studien im Himalayasystem aufgeworfen wurde. Im oberen Industal, in der Nähe von Leh, stellte sich ein normaler tektonischer Kontakt zwischen den alttertiären Schichten des NW-Himalaya mit dem Kristallin der südlichen Karakorumketten heraus, denn der eozäne Flysch lagert, dem Granit der Ladakhkette normal auf, zeigt sich aber gegen Süden - also gegen den Haupthimalaya und mit zunehmender Entfernung vom alten Trogrand - zunehmend stärker gefaltet und durch Faltungsdruck metamorph verwandelt. Wäre die tertiäre Faltung des Himalaya durch Zusammenschub seiner marinen Schichten zwischen der indischen Tafel (Gondwana) einerseits und den früher gefalteten Karakorumketten andererseits entstanden, dann müßten wir gerade hier am Südrand des Karakorum Zeichen stärksten Zusammenschubs finden, aber weder Bruche I noch Überschiebungen oder Überfaltungen sind vorhanden. ...