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Bemerkungen zu HAARMANNS Oszillationstheorie.

Tilmann, N.

Kurzfassung

Das Neue in HAARMANN'S Theorie scheint mir nicht darin zu liegen, daß er die Oszillationen der Erdrinde aus Massen Verlagerungen und Bewegungen des noch liquiden Magmas in und unter der Erdhaut herleitet, auch nicht in dem scharfen und z. T. nur zu berechtigten Kampf gegen die alte Kontraktionstheorie. Seitdem man in vielen Kettengebirgen die wahre Größe des Zusammenschubs erkannt hat, hat diese mehr und mehr an Resonanz verloren. Der entscheidende Punkt, an dem HAARMANN einen neuen Weg einschlägt, ist vielmehr die Ablehnung des tangentialen Drucks als Ursache des Zusammenschubs (nicht des Aufstaus) der großen Faltengebirge. Wenn sich tatsächlich die Faltung nur durch Gleitung erklärt, die allerdings je nach den Bedingungen, unter denen sie sich vollzieht, verschiedenen Charakter tragen kann, so muß man verlangen, daß eine solche Behauptung durch Analyse eines großen, gut bekannten Objekts erhärtet werden kann. Die Alpen wären dafür recht geeignet gewesen, um so mehr, als man in ihnen Erscheinungen findet, die HAARMANN'S Annahme stützen könnten. Zweifellos haben beim Vortrieb der großen ostalpinen Deckeneinheit Gleitvorgänge eine große Rolle gespielt; die Herauswölbung zur Zeit der oberen Kreide (Gosau) nach der tiefen Versenkung um die Wende von Jura-Kreide kann als primärtektonische Voraussetzung gewertet werden für den Gleitvorgang der Deckenbewegung, die bei Verlangsamung der Wanderung am Außenrand sich in enger Zusammenstauung (Bayrische Kalkalpen) erschöpft. Ist die ostalpine Decke eine Gleitmasse, so erübrigt sich auch die Suche nach ihrer Wurzelregion. Aber lassen sich durch Freigleitung oder Volltroggleitung auch die unter dem Ostalpin hervortretenden riesigen Liegend- und Tauchfalten, des Penninikums erklären? Der Tiefgang dieser Falten ist doch wohl zu groß, als daß er allein durch das Hinübergleiten des ostalpinen Traineau écraseur verursacht sein kann. Seine Wirkung erkennt man deutlich an dem chaotischen Durcheinander der Aroser Schuppenzone an der Basis des Ostalpinen, niemals aber lassen sich die Strukturen des tieferen Penninikums, etwa der Hohen Tauern oder des Simplon-Tessins, auf ihn zurückführen, schon deshalb nicht, weil sie nicht nur dort vorhanden sind, wo das Ostalpin tatsächlich darüber hinweggegangen ist, sondern auch da, wo es niemals eine ostalpine Schubmasse gegeben hat wie in den Westalpen. ...