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Bemerkungen zur Aussprache über die Oszillationstheorie

Haarmann, Erich

Kurzfassung

In unserer Jugend trieb man die Angst vor Theorien und Hypothesen auf die Spitze. Man empfand in jener Zeit naivatomistischer Naturerklärung das physikalische Weltbild als etwas im wesentlichen Abgeschlossenes, das nur noch innerhalb gegebener Rahmen ausgebaut und ausgestattet werden konnte. In unserer Wissenschaft war die Kontraktionstheorie das fertige, gesicherte und durchaus zureichende Fundament geologischer Arbeit. Inzwischen hat man begonnen einzusehen, daß die Prämissen unserer Grundanschauungen nicht deswegen als gesicherte Tatsachen angesehen werden dürfen, weil sie von den meisten Fachgenossen anerkannt werden. Man hat sich auf die hypothetische Natur aller Annahmen besonnen, auf die wir unsre Gedankengebäude aufbauen, und es gibt Forscher, die erkennen, daß die inzwischen gesammelten Beobachtungen längst das alte Theoriengebäude gesprengt haben. Damit wird es sinnlos, immer weiter nur sogenannte ,Tatsachen" zu sammeln, immer mehr toten Stoff anzukarren und anzuhäufen. Ohne Synthese gibt es keine Wissenschaft und es ist unmöglich, daß sie ohne Hypothesen weiterkäme. Daß diese alte Erkenntnis von vielen Forschern heute nicht anerkannt wird, ändert nichts an ihrer Richtigkeit. Eine heutzutage besonders wichtig gewordene wissenschaftliche Aufgabe ist es also, gegen jeden Dogmatismus in der Wissenschaft anzugehen. Das ist daher ein vornehmlicher Zweck meines Buchs und ist auch verstanden worden. Ich verweise beispielsweise auf den Schluß der Bemerkung von H. CLOOS, auf die Äußerung von MUSCHKETOW, auf v. BUBNOFF [1930] und AMPFERER [1931, S. 102]. Ich muß dies betonen, weil QUIRING meint, ich suche die Kontraktionstheorie lächerlich zu machen, und KOBER bemerkt, es sei nicht wissenschaftlich objektiv, einen Vertreter der Kontraktionstheorie als ,kontraktionistischen Ordensbruder" zu bezeichnen. Freilich, wenn man diesen Ausdruck aus dem Zusammenhang nimmt und ihn ohne dessen Kenntnis hört, so erscheint KOBER'S Rüge berechtigt. Wer aber mein Buch gelesen hat wird mir zugeben, daß der Ausdruck nicht gegen irgend jemanden gerichtet ist, weil er die Kontraktionstheorie vertritt, sondern sich einzig und allein wendet gegen die dogmatische, Anerkennung heischende Art, mit der die Kontraktionstheorie propagiert wird.