Original paper

Tektonische und geophysikalische Phänomene in der Ferghanaregion, Zentralasien

Kossmat, Franz

Kurzfassung

I. Die Abfolge der Faltungen in Zentralasien: Zu den schon seit langem beobachteten Eigenarten der Geschichte des Reliefs von Eurasien gehört die Erscheinung, daß die große mediterrane Meeresregion (Thetys) der vortertiären Zeit eine ausgesprochene Tendenz zur Verlagerung in der Richtung nach Indoafrika aufweist. Eine vergleichende Betrachtung der palaeozoischen und mesozoischen Geosynklinalen Eurasiens zeigt deutlich, daß ihre Haupterstreckung - wenn wir von außenliegenden Schelfgebieten absehen - schon von Ende des Karbons ab südlicher lag als im mittleren und älteren Paläozoikum. Es gilt das besonders auffällig für Perm und Trias, kommt aber auch in der mediterranen Faziesprovinz des Jura und der Kreide deutlich zum Ausdruck. Noch schärfer prägt sich eine analoge Erscheinung in den von den Geosynklinalen in genetischer Abhängigkeit stehenden Faltungen aus. Die Beispiele sind ja allgemein bekannt. Es gehören hierher die Beziehungen zwischen den variskischen Faltungen Mitteleuropas und den jungen alpinen Faltungen der Randgebiete des heutigen Mittelmeeres. In Asien liegen die Verhältnisse mindestens ebenso klar, denn den kaledonischen und noch älteren Faltungen des Sajan-Systems reihen sich im Süden die variskischen Gebirgsbildungen der Tianschanstämme und noch weiter südlich die jungen Faltungen der Pamir- und Himalaja-Region an. Die Abfolge der Faltungen ist also derart orientiert, daß die jüngsten Gebirge sich an die uralte Masse von Indoafrika schmiegen, ohne daß vermittelnde Zwischenglieder vorhanden wären. Die Abwanderung der Geosynklinalen und Faltungen geht aber Hand in Hand mit Massenverlagerungen in den tiefen magmatischen Erdschalen. Bekanntlich sinken die zusammengeschobenen Faltenwülste zusammen mit unmittelbar angrenzenden Nachbarstreifen (Randsenken) durch ihr Gewicht in ihre Unterlage ein und zwingen hier die tieferen Magmamassen des Sima zur teilweisen Abwanderung. Die Erscheinung vollzieht sich unter Austauschvorgängen, denn der Rindenschub in der Richtung zum Faltengebirge bringt außer Aufschmelzungen auch eine Einwanderung von Sialmassen in die Tiefe des letzteren mit sich, so daß sich seitlich die Möglichkeit für den Aufstieg von Teilen des Sima weithin bietet. ...