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Die aktualistische Methode in der Geologie

Kummerow, Egmont

Kurzfassung

In seinem Aufsatz über den Grundsatz des Aktualismus in der Geologie macht ERICH KAISER (1931) starke Bedenken gegen die meist angenommene allgemeine Gültigkeit dieses Grundsatzes für die Vergangenheit geltend. In der Annahme, daß es noch weiterer Arbeit bedarf, die Wertschätzung und Anwendung der aktualistischen Methode auf das richtige Maß zurückzuführen, sollen die Ausführungen E. KAISER'S hier ergänzt werden. Unter den von E. KAISER angeführten Fassungen des aktualistischen Grundsatzes ist die anfechtbarste wohl diejenige von SALOMON-CALVI (1926, 2, S. 2), ,daß man nicht berechtigt ist, Vorgänge für die Vergangenheit anzunehmen, wenn man nicht entsprechende Vorgänge in der Gegenwart beobachtet oder experimentell nachahmen kann." Der so gefaßte Grundsatz setzt eine genaue Kenntnis der Vergangenheit voraus, die wir nicht besitzen, sondern mit seiner Hilfe erst erwerben wollen. Fassen wir den Begriff der Gegenwart recht weit und verstehen darunter die seit Beginn der wissenschaftlichen geologischen Forschung verflossene Zeit von wenig mehr als 100 Jahren, so soll also in der gesamten Vergangenheit seit dem Archaikum nichts geschehen sein, was von den Vorgängen der Gegenwart qualitativ verschieden war. Hier scheint doch eine Überschätzung des Geltungsbereichs der aktualistischen Methode vorzuliegen, die aus der stark verbreiteten Neigung hervorgeht, ein kleines Gebiet intensiv zu studieren und dann die gefundenen Ergebnisse über Gebühr zu verallgemeinern. Wohl dürfen wir für die Vergangenheit alle Erscheinungen und Kräfte der Gegenwart annehmen, wenn auch der Anteil der einzelnen Arten immerfort wechselte. Es ist aber nicht erlaubt, nun den Satz umzukehren und zu behaupten, daß alle Vorgänge der Vergangenheit nun auch zusammengedrängt in der Gegenwart auftreten müßten. Es ist nicht einzusehen, weshalb z. B. alle Faktoren der äußeren und inneren Dynamik entweder dauernd tätig gewesen oder doch in den letzten 1-2 Jahrhunderten wenigstens einmal deutlich in Erscheinung getreten sein sollten. Freilich mögen die in der Gegenwart zu beobachtenden Vorgänge die nur in langen Perioden auftretenden an Wichtigkeit übertreffen, und das ist auch wohl der Grund, weshalb die aktualistische Methode zu recht guten Ergebnissen geführt hat. ...