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Umwelt und Schalenbau der Schnecken und Muscheln

Brockmeier, Heinrich

Kurzfassung

Bei der Umgrenzung der Arten macht sich der Einfluß der Theologen auf die Wissenschaft in auffallender Weise bemerkbar: Weitherzig ist man bei der Art Mensch, aber nicht selten sehr engherzig den anderen Lebewesen gegenüber. Dadurch haben wir eine Unzahl von Arten erhalten, die in ganz überflüssiger Weise den Überblick erschweren und kein rechtes Verständnis für die in der Geologie so wichtigen Wechselbeziehungen zwischen der Form der Gehäuse und der Umwelt aufkommen lassen. - Mehr als ein halbes Jahrhundert habe ich mich mit besonderer Vorliebe mit den durch die Umweltverhältnisse bedingten Formveränderungen im Schalenbau der Schnecken und Muscheln beschäftigt. Nachstehend zwei Beispiele: 1. Limnaea (Stagnicolo) palustris MÜLL. = Limnaea (Galba) truncatula MÜLL. (Taf. 22). In verschiedenen Arbeiten (siehe Schriftenverzeichnis in dieser Zeitschr. 1931, S. 594) habe ich schon vor vielen Jahren darauf hingewiesen, daß es sich bei den erwähnten Formen um die Vertreter einer Art handelt. Sie wachsen nicht an derselben Stelle auf. Findet man sie ausnahmsweise zusammen in der Natur, so wird eine sorgfältige Untersuchung der örtlichen Verhältnisse leicht Aufklärung verschaffen. Es kann Limnaea truncatula aus Gräben usw. durch Gewitterregen in das Wohngebiet der Limnaea palustris gespült werden. Am Niederrhein habe ich den umgekehrten Fall beobachtet: Limnaea palustris wurde durch einen über seine Ufer tretenden Bach (Triet bei M.-Gladbach) dem Lebensraum der Limnaea truncatula zugeführt. Auch mit einer Verschleppung durch Tiere muß gelegentlich gerechnet werden. Tafel 22 zeigt eine kleine Auswahl von Formen von sehr verschiedenartigen Fundorten in der Natur und als wichtige Ergänzung das Ergebnis eines Zuchtversuches. 2. Die Größe der Schnecken und Muscheln in der Nord- und Ostsee (Taf. 23 und 24). Die am Ostseestrande gesammelten Schnecken und Muscheln pflegen den entsprechenden Formen aus der Nordsee an Größe nachzustehen. In Museen wird diese Verschiedenheit dem Besucher veranschaulicht, und in der Literatur wird der geringere Salzgehalt der Ostsee mit der geringeren Größe ihrer Mollusken in ursächliche Beziehung gebracht. Eine derartige Erklärung ist zwar sehr naheliegend, aber darum noch keineswegs richtig. ...