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Beziehungen zwischen Erdbebenforschung und Geologie

Sieberg, A.

Kurzfassung

Die Arbeiten der Reichsanstalt für Erdbebenforschung sind unlöslich und aufs engste mit der Geologie verknüpft, die sowohl für die Erforschung der Erdbeben als auch für die angewandte Geophysik in gleichem Umfange Gebende wie Nehmende ist. Während Seismometrie bzw. Großseismik und die angewandte Geophysik auf reiche instrumenteile Ausrüstung angewiesen sind, verzichtet die Erforschung der Erdbeben, von vereinzelten Sonderfällen abgesehen, aus theoretischen und praktischen Gründen auf jegliche Apparatur und tritt deshalb in ganz unscheinbarem Gewand auf. Die einzigen Kosten, die dieser Forschungsart erwachsen, sind gelegentliche Reisen zum Studium von Erdbeben am Objekt, ohne das selbstverständlich alles graue Theorie bleiben würde. Aber gerade die Unmöglichkeit, Dynamik und Statik der Erdbeben auf instrumentellem Wege zu klären, hat die Erdbebenforschung zur Zeit außer Mode gebracht. Infolgedessen ist es so gut wie unbeachtet geblieben, daß die Erdbebenforschung schon seit Jahren in ein neues Entwicklungsstadium getreten ist, mit dem Ziele der Einreihung in den Kreis der exakten Naturwissenschaften. Die Probleme sind klar umrissen und die Wege zu ihrer Lösung erkannt, wobei auch experimentelle Methoden für manche Einzelheiten in Frage kommen. Hoffentlich wird dieser neue Weg nicht durch mangelndes Verständnis verschüttet. Weit verbreitet, nicht bloß bei Physikern, ist das Mißtrauen gerade gegen die grundlegende Arbeitsmethode der Erdbebenforschung, nämlich die Isoseistenmethode. Daran trägt eine zwar altüberlieferte, aber grundfalsche Bezeichnungsweise die Schuld. Man redet immer von den beobachteten Erdbeben stärken und übersieht ganz, daß diese jeglicher, auch der seismometrischen Beobachtung unzugänglich bleiben. Was wir beobachten, sind die Wirkungen der Erdbeben, das Ergebnis der Umwandlung der freien Primärschwingungen, die den Erdbebenherd verlassen, in Schwingungen anderen Charakters; letztere werden hauptsächlich von der variabeln Beschaffenheit der Erdrinde, teils auch von der Gebäudebeschaffenheit erzwungen ...