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Gegen die mechanisch-tektonische Deutung des Nördlinger Rieses und des Steinheimer Beckens als ,Zerreiß-Löcher"

Kranz, Walter

Kurzfassung

E. SEIDL hat in anregender Weise ingenieurtechnische Betrachtungsweise in die Geologie eingeführt, ähnlich wie auch ich das für richtig halte. Von seinen zahlreichen Veröffentlichungen über dies Grenzgebiet der Geologie und namentlich der technischen Mechanik seien hier nur diejenigen über Kerbwirkung in der Geologie, örtlichen Massenausgleich und Oszillationstheorie, über Salz- und Erdöllagerstätten, Bruch- und Fließformen, Tektonik der Alpen und des Roten Meeres genannt. Daß man dabei aber auch zu weit gehen kann, wenn man z. B. mit rein mechanisch-tektonischen Betrachtungen an zweifellos vulkanologische Probleme herangeht, zeigen SEIDL'S Arbeiten insofern, als er sich darin mit den Problemen des Rieses und des Steinheimer Beckens befaßt: ... Er geht dabei (2. 1930/31) von Beobachtungen an Zerreiß-Löchern in Eis decken auf Seen und (3. 1930) in Straßen-Asphalt aus, einige seiner hypothetisch-schematischen Bildgruppen ahmen auch Zerreißformen bei der Materialprüfung von Metallen nach. Im See-Eis ergeben sich nach seinen Beobachtungen ,einfache Formänderungen", bei im ganzen gleicher Dicke des reinen, lagenweise gleichartigen bildsamen Stoffes, ,in günstiger Verknüpfung von Bruch und bildsamem Nachgeben. Die Platten schwimmen auf der Unterlage, d. h. sie sind in hohem Maße unabhängig von dieser beanspruchbar"; bei Bewegungen parallel zur Unterlage ,können Teilstücke ungehindert gleiten". Nur bei Abhebung des Eises vom Wasser sind Adhäsion und Schwere von Einfluß. Nach SEIDL'S Abbildungen sollen sich die Spannungsverhältnisse bzw. die Art der Beanspruchung bei Lochbildungen im See-Eis als ,Verringerung des Querschnitts", als ,Verjüngung" ableiten lassen, ,die sich als Folge der Zug-Beanspruchungen im Zerreiß-Bereich zu ergeben pflegt". ,Bekanntlich bildet sich Eis aus Wasser - im Gegensatz zu aus Schmelzflüssen erstarrenden Metallen und Gesteinen - unter einer erheblichen Vermehrung des Volumens (etwa 9%). ...