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Gebirgsbewegungen und Erdmessung in Süddeutschland

Schwinner, Robert

Kurzfassung

Im allgemeinen kann eine Vorhersagung künftiger tektonischer Vorgänge nur gegründet werden auf die Kenntnis der vorhergegangenen, aus denen nach den beiden Leitsätzen der ,Konsequenz" und der ,Stetigkeit in der tektonischen Entwicklung" alle späteren sich ergeben. In alten und ältesten Zeiten geformte und geballte Massen bilden die Kerne, um welche sich späterhin immer wieder, in wechselnden Kombinationen die Striche der tektonischen Bewegung ranken. Allerdings besteht in dieser Hinsicht ein Unterschied zwischen den beiden Hauptgruppen der tektonischen Vorgänge. Die orogenetischen Bewegungen werden wohl im großen von der angetroffenen Massenverteilung und Struktur bestimmt; aber solche weit ausholende Bewegung erzwingt Großzügigkeit und Schlichtheit der Baulinien, diese können daher nicht allen Schnörkeln des alten Baues folgen, sie müssen im einzelnen Teile desselben ,renegant" kreuzen, verdecken, zerstören. Viel treuer folgen die epirogenetischen Bewegungen den alten Vorzeichnungen, oft lassen sie auch ,posthum" Züge der alten Tektonik wieder aufleben und durchschlagen, welche von der vorhergegangenen Orogenese völlig überwältigt geschienen hatten. Für die Zwecke der Geodäsie ist danach eine Unterscheidung zu treffen zwischen ,Dauerschollen" und Zonen tektonischer Bewegung. Dauerschollen sind Gebiete, die wahrscheinlich Form und Größe für die nächst absehbare - wesentlich nicht orogene - Zeit ungeändert behaupten werden, alte Massive und Grundgebirgskerne z. B. Der Bereich jeweils einer solchen Dauerscholle ist als Teilnetz der Vermessung auszugestalten, in das nur Beobachtungsfehler eingehen, aber keine realen Verschiebungen, und das daher für sich auszugleichen ist. In den Zwischenstreifen dagegen werden - natürlich neben den gewöhnlichen Fehlern - die realen tektonischen Verschiebungen konzentriert, und können daher hier bei der Vermessung bzw. Nachmessung leichter erfaßt und ausgesondert werden. Nach Diskussion des Variskischen Baues von Süddeutschland werden im unmittelbaren Alpenvorland drei größere Dauerschollen unterschieden: Schwarzwald, Schwäbisch - Fränkische Schwelle, Moldanubische Masse; getrennt von Bewegungszonen in der Verbindung Bodensee-Kraichgau und im Strich Pfahl-Donaubruch. Aber auch die Nördlichen Kalkalpen dürften heute größtenteils ausgefaltet, konsolidiert sein. Tektonisch weiter aktiv dürften nur sein: der nördliche Alpenrand, besonders die dislozierte Molasse, und die Längstalflucht, zwischen Kalk- und Zentralalpen, mit diluvialen Kryptodepressionen, Bebenlinien. Eine Ausnahme macht Südostbayern, dessen tertiäre und diluviale Schotterfluren, Eandseen, Moose, Moränen usw. über altpaläozoischem Geosynklinalgebiet und daraus aufgestauten Variskischen Faltenzügen liegen, deswegen in der ganzen Fläche posthumen epirogenetischen Bewegungen unterworfen, wie sie sich aus der Vergitterung dieser mit den alpidischen Leitlinien ergeben. Die Existenz solcher Krustenbewegungen hat M. SCHMIDT aus der Bayerischen Vermessung bereits nachgewiesen; doch wird die Darstellung des Bewegungsbildes weiterer Untersuchung und vermutlich ernstlicher Verbesserungen bedürfen. Besonders die aus den Nivellements abgeleitete Einmuldung mit der Achse Deisenhofen-Mühldorf paßt nicht zu dem SO-NW-Streichen, wie es die theoretische Kekonstruktion des Variskischen Gebirges und die geophysikalischen Messungen im Untergrund vermuten lassen, und wie es zu Oberflächengestaltung und Wasserablauf viel besser passen würde. ...