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Die geologische Bedeutung morphologischer, theoretischer und biologischer Schnecken- und Muschelarten

Brockmeier, Heinrich

Kurzfassung

Die systematische Ordnung der Lebewesen soll den Überblick erleichtern. Das System der so überaus zahlreichen Schnecken und Muscheln hat im Laufe der Zeit eine so weitgehende Gliederung in Arten, Gattungen und Untergattungen erfahren, daß der ursprüngliche Zweck des Systems in das Gegenteil verwandelt ist. Zwei Zahlen: Das im Jahre 1858 erschienene dreibändige Werk von HENRY und ARTHUR ADAMS: ,The Genera of Recent Mollusca" hat ein Register von rund 3400 Gattungsinamen. Das seit 1931 im Erscheinen begriffene ,Handbuch der Systematischen Weichtierkunde" von JOHANNES THIELE behandelt in seinen beiden ersten Teilen nur die Schnecken; das Register hat rund 7000 Namen von Gattungen und Untergattungen aufzuweisen, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß verschiedene Namen nicht selten denselben Formenkreis bezeichnen. Durch langjährige Beobachtungen in der Natur und durch Zuchtversuche habe ich mich überzeugt, daß die vorwiegend nach morphologischen Gesichtspunkten erfolgte Gliederung des Systems zu einer unnatürlichen Bildung von Arten und Gattungen geführt hat. Im April 1924 sprach ich im Niederrhein. Geol. Ver. über ,Schnecken und Muscheln im Dienste des Geologen" und erwähnte kurz die in der Überschrift genannten Arten, auf die hier etwas näher eingegangen werden soll. Theoretische Arten der Zoologen und Geologen: Bei der Ordnung der DUNKER'schen Konchyliensammlung fiel mir eine Art von ostindischen Bernsteinschnecken auf, die ich nicht von der deutschen Succinea putris zu unterscheiden vermochte. Ich brachte dies meinem Lehrer gegenüber zum Ausdruck und erhielt die Antwort: ,Ja, wenn man nicht weiß, wo die her sind, dann kann man sie nicht bestimmen." Übereinstimmende Fossilien erhalten verschiedene Namen, wenn die Fundschichten durch mächtige Zwischenschichten getrennt sind. Bei den lebenden Formen ist also der große Horizontalabstand der Fundorte das einzige Unterscheidungsmerkmal und bei den fossilen der Vertikalabstand der Fundschichten. In beiden Fällen kommen Anschauungen zum Ausdruck, die den natürlichen Verhältnissen nicht entsprechen. Aus der geringen Beweglichkeit der Schnecken und Muscheln könnte man eine gewisse Berechtigung für die theoretischen Arten der Jetztzeit herleiten. Demgegenüber könnte man einwenden: Was dem Einzeltier bei der Überwindung großer Wegstrecken nicht möglich ist, könnte für Generationen im Laufe größerer Zeitabschnitte erreichbar sein. ...