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Eine technisch-mechanische Erklärung der Alpen

Kraus, E.

Kurzfassung

In dieser Zeitschrift, Heft 4, Band 86, 1934, S. 193-209, wurde kürzlich das Alpengebirge von E. SEIDL ,nach den Richtlinien der Technischen Mechanik erklärt". Er sagt (S. 193/195), daß nach seinem ,grundlegenden grenzwissenschaftlichen Werk" von 1934 ,das Problem der Alpentektonik in der Bogenform dieses Gebirges" liege. Über solche Ausschließlichkeit wundert man sich als Alpengeologe nicht weniger als dies wohl ein Anatom, Physiologe, Entwicklungsgeschichtler und Phylogenetiker tun würde, wenn man behaupten wollte, das Bauproblem des menschlichen Kopfes sei die Rundform seiner Kalotte. Obwohl der Verfasser selbst eine Anzahl von Schwierigkeiten feststellt, welche einer roh-technischen Betrachtung unter Zuhilfenahme der dabei nötigen, aber die wirklichen Probleme gänzlich verdeckenden Vereinfachungen entgegenstehen, glaubt er dennoch durch technische Vergleiche erklären zu können. Es scheint uns aber, daß man aus dem äußeren Verhalten verbogener Eisen-I-Träger, Papierblöcke und dergleichen keine alpine Entstehungsgeschichte ableiten kann. So gewiß tektonische Formen und Bewegungsformen technischer Körper gemeinsamen mechanischen Gesetzen unterliegen, so unerläßlich ist es doch auch, die jeweils abweichenden Bewegungsbedingungen genügend zu bedenken. Weder nach der Zeitlichkeit der Bewegung, noch nach dem Ort und der Stärke des Angriffes, weder nach der Stockwerkslage der Hauptbewegung noch nach der Materialart gibt es bekanntlich zwischen den einmaligen Bewegungsvorgängen technischer Bauelemente und dem Bewegungsspiel des in Jahrmillionen nach Kraftgröße und Reaktions-Bereitschaft wechselnden Materials der Erdrinde die für eindeutige Schlüsse notwendigen Grundlagen. Gewiß ist das Studium technischer Druck- und Zugversuche geeignet, uns richtigere Grundvorstellungen von der allgemeinen Mechanik fester Körper zu geben. Aber bei der Anwendung im Bereich der Geologie handelt es sich um das richtige ,mutatis mutandis". Das kann nur von einem Kopf erwartet werden, der durch eigene lange Arbeit ein Verständnis der alpinen Bauverwickelungen gewonnen hat, der also das Material nebst Baugeschichte kennt, auf welches ganz allgemein mechanische Erfahrungen anzuwenden wären. So ist beispielsweise jeder Versuch einer mechanischen Deutung aussichtslos, der nichts zu sagen hat über die Wanderungsgründe der gewaltigen alpinen Decken, über die ungeheuren Massenverluste der Tiefe und die Massengewinne der Intrusionen und Effusionen. ...