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Glazialklima und Diluvialmorphologie

Becksmann, Ernst

Kurzfassung

Die Ausführungen von Fräulein E. TODTMANN erhalten ihren besonderen Wert, wenn sie von der Fragestellung her gesehen werden, ob Beziehungen zwischen glazialer Formenwelt und eiszeitlichem Klima bestehen, d. h. ob unterschiedliche Glazialklimate sich auch morphologisch auswirken. Auf Spitzbergen sind es die großartigen Stauchungserscheinungen der Endmoränen, die besonders in die Augen fallen und durch die Arbeiten von K. GRIPP und E. TODTMANN sehr gut bekannt sind. Der hervorstechendste Zug der isländischen Glazialmorphologie dagegen ist, wie gezeigt wurde, das Schmelzwasserphänomen, wofür wir den bezeichnenderweise der isländischen Sprache entlehnten Ausdruck Sander gebrauchen. Endmoränen treten demgegenüber in ihrer Bedeutung sehr zurück. Einen ähnlichen Gegensatz in der Verteilung des Schwerpunktes des glazialen Formenschatzes zeigt nun auch die norddeutsche Jungmoränenlandschaft derart, daß bei den beiden älteren Stadien (Brandenburger und Frankfurter Stadium WOLDSTEDT'S) das Schmelzwasserphänomen in Gestalt der großen Sander stark hervortritt, im Gegensatz zu dem jüngeren, dem Pommerschen Stadium, das durch seine bedeutenden Stauchendmoränen wie durch das Zurücktreten von Schmelzwasserformen bekannt ist. Ich habe vermutet (BECKSMANN 1931), daß ein klimatischer Unterschied zwischen dem älteren und dem jüngeren Teil der letzten Eiszeit für diese Verschiedenheiten verantwortlich zu machen sei, und gezeigt, daß der in dem jütischen Interglazial vom Herning-Typ sich widerspiegelnde Klimaablauf im besten Einklang damit steht, daß Würm I, im Gegensatz zu dem trocken-kalten, kontinentalen Glazialklima von Würm II, durch ein ozeanisch geprägtes, also feucht-kühles Glazialklima ausgezeichnet war. Damit unter solchen klimatischen Verhältnissen das Würm I-Eis so weit vordringen konnte, muß es stark ernährt und infolgedessen recht mächtig gewesen sein. Ein solches Inlandeis muß dementsprechend einen ziemlich glatten, wenig zerlappten, in seinem Verlauf von der vorgefundenen Morphologie recht unabhängigen Eisrand besessen haben. ...